Depeche Mode - Black Celebration

 

Black Celebration

 

Depeche Mode

Veröffentlichungsdatum: 17.03.1986

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.07.2020


Ein Schritt in die düstere Elektronik, der noch zu oft in unterentwickeltem Kitsch mündet.

 

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, sagen so manche. Dürften noch nichts von Ikarus und seinem vertrottelten Übermut gehört haben, diese Leute. Auf der anderen Seite macht ja erst Übung einen Meister, insofern kann der ungeübte Flugnovize aus der antiken Mythologie wohl nicht ganz als Maßstab herhalten. Depeche Mode sind da schon besser geeignet, immerhin sind sie nie vom Himmel geplumpst, können aber gleichzeitig gerne beispielhaft genannt werden, wenn es um die erforderliche Übung geht. Der Weg der Briten weg vom banalen Teenie-Synth-Pop hin an die Vorfront des industrialisierten, atmosphärischen Elektro-Pop war immerhin ein längerer und ein nicht immer über alle Maßen erfolgreicher. Stattdessen war es in den 80ern eine schrittweise Annäherung an das, was in "Music For The Masses" und zumindest kommerziell noch erfolgreicher in "Violator" gipfeln sollte. Und so wie auf "Construction Time Again" die Industrialklänge nur zaghaft angeklopft haben, während sie wenig später auf "Some Great Reward" erste großartige Früchte trugen, ist "Black Celebration" ein Eintauchen in die dichte Düsternis, die erst dem Nachfolger wirklich zur Vollendung helfen sollte.

 

Hier auf der fünften LP der Briten hat man es dagegen eher mit glorreichem Stückwerk zu tun. Martin Gores Texte präsentieren sich zunehmend direkter, selbst nachdem der Vorgänger etwas wie Master And Servant bereitgehalten hat, die musikalische Untermalung signalisiert derweil im Kontrast dazu mysteriöse Dunkelheit, die definitiv keine extremen Ausmaße annimmt, aber etwas schwelend Unheimliches, Unwirtliches mitbringt. Letzteres verspricht viel, wenn es wie im Opener Black Celebration zum Einsatz kommt und also dissonante Keyboard-Akkorde mit einem hektisch-hellen Elektronik-Loop verbindet und Dave Gahan in ungewohnter autoritärer Tiefe erklingt. Die Albumeröffnung verrät aber gleich auch, dass es nicht allzu beeindruckend enden muss, wenn man diese starken Grundzutaten zwar immer wieder mit Soundeffekten schmückt, letztlich aber über vier Minuten wenig tut, um das Potenzial der Melodie und der starken Vocals voll auszuschöpfen. Es tut sich also noch zu wenig, auch wenn man den Track als gelungene Einführung in das betrachtet, was diese und die folgende LP stilistisch bestimmen sollte.

 

Abseits davon ist die erste Albumhälfte, euphemistisch formuliert, wenig vorteilhaft. Das unterentwickelte Arrangement von A Question Of Lust kann weder durch Gores Stimme punkten, noch mit der müden elektronischen Inszenierung, die dank entsprechender Synth-Sounds ohnehin in schmerzhaftem Kitsch mündet, obwohl hier und da Industrial-Spuren auftauchen. Mit Sometimes wiederum sucht man das Heil in der ruhigen Emotionalität, unterlegt Gahans melodramatische Performance und deren künstliches Echo lediglich mit dem Keyboard, ohne damit irgendeine erkennbare Wirkung zu erzielen. Und It Doesn't Matter Two ist zwar deutlich formvollendeter als der erste Part, der auf dem Vorgänger zu hören war, kann aber trotzdem nur sehr begrenzt überzeugen, weil er sich zwar im Aufbau einer unbequemen Atmosphäre übt, aber Dynamik und klangliche Finesse vermissen lässt. Die Dynamik hätte Fly On The Windscreen - Final, nur dass da sonst nicht viel herauskommen will. Wenn man also beide zusammenmischen würde...

 

...käme vielleicht trotzdem nicht sonderlich viel heraus. Weswegen es gut und wichtig ist, dass man eine zweite Hälfte vorgesetzt bekommt, die die Briten hinlänglich rehabilitiert. Zwar begegnet man auch hier hypersentimentalem Kitsch wie World Full Of Nothing, dieser komplett daneben ausstaffierte, extrem synthetisch und damit emotionslos anmutende Ausrutscher bleibt aber da ein singuläres Ereignis.

Stattdessen bekommt man einen überzeugenden Vorgeschmack auf die großartigen Eindrücke, die einen nur ein Jahr später erwarten sollten. Das aggressiv-düster dahingaloppierende Keyboard von A Matter Of Time und dessen heller synthetischer Kontrast nimmt Behind The Wheel etwas unverfeinert vorweg. Stripped auf der anderen Seite schlägt erfolgreich die Brücke aus düster schwelender, elektronischer Beklemmung hier, poppiger Hook da und dem gewissen, gefühlvollen Etwas durch die Synths und Gahans Performance obendrauf. Und es sollte sogar doch noch gelingen, einen der musikalisch reduzierten, Martin Gores schmalzigen Anwandlungen verpflichteten Songs zu einem Höhepunkt des Albums zu machen. Here Is The House schafft es dabei trotz minimalistischer Ausstattung, ähnlich wie Stripped melodische Eingängigkeit, romantische Emotionalität und dennoch eine drückende Atmosphäre zu vereinen. Und weil das hier aufgeräumter klingt, ohne gleich langweilig zu wirken, ist es sogar noch besser. Den Haupttreffer hebt sich die Band aber bis zum Schluss auf. New Dress ist einer der damals rar gesäten, gesellschaftspolitisch angehauchten Songs der Briten, als solcher musikalisch der perfekte Übergang zu den noch kommenden Höhen auf "Music For The Masses", also eine ideale Vereinigung unterschwellig aggressiver Elektronik, metallischer Percussion, dem kommandierenden Ton Dave Gahans und einer eingängigen Qualität, die noch dafür sorgt, dass das im Gedächtnis bleibt und Hitqualitäten mitbringt. Nicht zu vergessen, auch Gores unbequemer Blick auf die mediale Wirklichkeit und deren Folgen überzeugt in ungewohnter Manier:

 

 "Jet airliner shot from sky

Famine horror, millions die

Earthquake terror figures rise

 

Princes Di is wearing a new dress

 

You can't change the world

But you can change the facts

And when you change the facts

You change points of view

If you change points of view

You may change a vote

And when you change a vote

You may change the world"

 

Das alles reicht nicht, um "Black Celebration" zu einem wirklich Erfolg werden zu lassen. Dafür wird man zu oft enttäuscht von halbgarer Umsetzung, zu oft fast belästigt mit kitschigen Ergüssen und mäßig geformten Arrangements, die nichts tun, um den schmalzigen Ton der Songs zu dämpfen, sondern ihn mitunter erst richtig verstärken. Nach so etwas lechzt eher niemand. Dem gegenüber stehen eben die gewohnten Anflüge von Genialität, die altbekanntes Pop-Gefühl mit elaborierten Soundideen und atmosphärischer Kraft verbinden. In diesen Momenten bekommt man eindringlich präsentiert, wie es zu "Music For The Masses" kommen konnte. Was diese LP vom Nachfolger unterscheidet, ist also primär die Konstanz, die man hier mit einer schmerzhaft unterwältigenden ersten Hälfte und markanten Totalausfällen nicht finden wird. Ein bisschen weghören wird man also müssen an den entsprechenden Stellen, um dafür den eingestreuten Höhepunkten die gebührende Wertschätzung entgegenbringen zu können.

 

Anspiel-Tipps:

- Stripped

- Here Is The House

- New Dress