Bruce Springsteen - Born In The U.S.A.

 

Born In The U.S.A.

 

Bruce Springsteen

Veröffentlichungsdatum: 04.06.1984

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 14.05.2016


Der Volks-Rock 'n' Roller der 80er polarisiert am kommerziellen Höhepunkt mit glattem Sound.

 

Der Boss, liebe Freunde, der Boss. Das Warten hat ein Ende. Rock-Hoffnung, Megaseller und von patriotischem Missverständnis gezeichneter Held der Working Class People einer mächtigen Nation. Bruce Springsteen is in the house und mit ihm sein kommerzieller Höhepunkt, das 15-fach Platin ausgezeichnete, weltweit über 30 Millionen Mal verkaufte Born In The U.S.A.. Nach dem kargen, introspektiven Nebraska, dessen veröffentlichte Version die zuerst Solo aufgenommenen Demos enthielt, kam es zur Reunion Springsteens mit seiner altbewährten E Street Band. So wenig Verkaufszahlen auch in einer direkten Korrelation zur musikalischen Qualität einer Platte stehen, so oft sorgte eine massenkompatible Ausrichtung auch für Kopfschütteln bei den Kritikern. Beim siebten Album vom Boss verhält es sich dahingehend anders, zählt Born In The U.S.A. doch zu den besten LPs, die je veröffentlicht wurden.

 

Dennoch kommt man nicht umhin, den vom Boss in dieser Form bis dato ungekannten, poppigen Sound als Erkennungsmerkmal, ja gar als Hauptaspekt herauszuheben. Wie hier erstmals die Synthesizer wie ein von Wolken befreiter Sternenhimmel flimmern und in beschwingter, dem Mainstream der 80er zugeneigter Manier geschunkelt wird, hat scheinbar gar nicht so viele Fans des Amerikaners verschreckt, wie solche Züge in der Regel vermuten ließen und doch kommen einem aus der Distanz von mittlerweile über dreißig Jahren doch vereinzelte Schauer. Denn auch abseits der allgegenwärtigen Synthies ist Springsteens erdiger - Vorsicht! - Heartland-Rock einem weit kantenbefreiteren Pop-Rock gewichen. Allen voran natürlich der unvergessliche Titeltrack. Von stolzen Patrioten zweckentfremdet, zu Springsteens Signatursong gemacht und als Welthit in die Annalen eingegangen. Einem dürfte die Mischung aus äußerst präsenten Drums, flippigen Synths und wütendem Gebell besonders gut gefallen haben: Ronald Reagan. Der war so angetan von der vermeintlichen Liebesbekenntnis zum eigenen Land, dass er den Track für die eigene Wahlkampagne verwenden wollte und dabei überhörte, dass es sich bei dieser um eine harsche Kritik an der Regierung und dem Vietnamkrieg handelte: "I had a brother at Khe Sahn / Fighting off the Viet Cong / They're still there, he's all gone / He had a woman he loved in Saigon / I got a picture of him in her arms, now". Freilich das Spannendste an der Nummer, die musikalisch sonst nicht allzu viel bereithält, aber immer wieder gern gehört sein will.

 

Weniger gern hört man da schon andere Nummern auf Born In The U.S.A.. Man kann sich die Fitnessstudios der 80er nur zu gut vorstellen, wie sie die ohnehin schon nur mit schwachem Puls eingelieferten Singles I'm Going Down, abseits der coolen Orgel ein klassischer 0815-Rocker, Dancing In The Dark, Springsteens Beitrag zur Synthpop-Bewegung, oder das schwerfällige Cover Me totnudelten. So hymnenhaft diese Scheiben auch ausfallen und für so gute Launen sie auf vielen Partys wohl gesorgt haben, so banal sind sie aus dem historischen Kontext gerissen. Überhaupt stört man sich verdammt schnell am hölzern produzierten Sound, gerade im Kontrast zu den ruhigen, nach innen gerichteten Tönen von Vorgänger Nebraska, in dessen Arrangements sicher auch das eine oder andere Stück der heute besprochenen LP passen würde. I'm On Fire etwa, das auch in der hier erschienenen Form deutlich entschlackter wirkt als der Rest und ohne den großen Schnickschnack ziemlich gut auskommt. Genau wie Closer My Hometown, der auch textlich wie ein Überbleibsel aus vorangegangenen Sessions wirkt. Wehmütig, nostalgisch und mit dem beobachtenden Auge - so kennen wir den Mann des Volkes: "They're closing down the textile mill across the railroad tracks / Foreman says, these jobs are going, boys, and they ain't coming back". Und heute noch aktueller denn je.

 

Am erfolgreichsten Album des Nationalhelden mit der klassischen Levis-Jeans gibt es natürlich noch weitere gute Nummern. Unter den ganzen fidelen, guten Pop-Nummern, ob sie nun Glory Days oder Bobby Jean heißen, stechen zwei Stücke noch ganz besonders heraus, beide interessanterweise nicht unter den immerhin sieben Hitsingles der LP. Darlington County auf der einen Seite, das mit dem coolsten Swing der Platte endlich ein wenig den Rock 'n' Roll umarmt, mit starkem Zusammenspiel aus Orgel, Piano und Bläsern reüssiert und darüber hinaus auch eine kurzweilige Geschichte aus alten Tagen erzählt. Auf der anderen jener Track, der sich mit der Zeit als Klassenbester herauskristallisieren sollte: No Surrender. Nirgendwo anders fügen sich nimmermüde Synthesizer, lebhafte Drums und der lebensmüde (müde vom Leben) Gesang des Volks-Rock 'n' Rollers der 80er so gut zusammen. Seine erneut erfrischend nostalgische Note ("We learned more from a three minute record, baby / Than we ever learned in school") ist ebenfalls sympathisch, wirft allerdings kein gutes Licht auf die Schulbildung des lieben Herrn Springsteen.

 

Daran liegt es aber nicht, dass Born In The U.S.A. seinem guten Namen nicht so ganz gerecht wird. Auch wenn sich der Boss in der Wahl seiner Themen über weite Strecken recht treu bleibt, gibt es in Bezug auf Sound und Arrangements zu viele kleine Störfaktoren, um LP #7 im selben Atemzug mit seinen besseren Alben nennen zu können. Zu glatt produziert, zu viel Sha-La-La und zu wenig Schmackes unterm roten Kapperl. Gehört haben sollte man die zwölf Tracks, sofern man sie damals in den Fitnesscentern verpasst haben sollte, trotzdem einmal!