Black Sabbath - Paranoid

 

Paranoid

 

Black Sabbath

Veröffentlichungsdatum: 18.09.1970

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 21.09.2017


Als die Metal-Götter das Wort Riff neu definierten. Zweiter Akt.

 

Wir sind zwar nachweislich nicht dafür gebaut, den verschiedensten musikalischen und ideologischen Zielgruppen nachzulaufen, müssen uns aber wohl eingestehen, dass die Satanisten auf dieser Webseite bisher zu kurz gekommen sind. Dem gehört ein Ende gesetzt und so bietet es sich auch für uns an, Fledermausköpfe zu knabbern. Oder Black Sabbath und deren größte Stunde zu reviewen.

 

Wobei die jetzt abgesehen vom Bandnamen so nichts Satanistisches an sich hat. Ein Schäuferl Gesellschaftskritik über dem nächsten ist es, die sich zwischen den kriegskritischen War Pigs und Hands Of Doom, dem auf fast poetische Art apokalyptischen Iron Man auftürmen. Es wäre allerdings zu viel, würde man behaupten, die Texte und Botschaften wären der integrale Teil des Sabbath-Erfolges. Der trägt eigentlich vor allem den Namen Tony Iommi und damit den eines Gitarristen, der reichlich untypisch für den von ihm maßgeblich mitbestimmten Metal nur bedingt durch Soli seinen Stellenwert einzementiert hat. Eher im Gegenteil, Iommi ist die wahre Songmaschine hinter Reality-TV-Star Ozzy, eigentlich eine unerschöpfliche Quelle widerspruchslos legendärer Riffs, die gleichermaßen hart und unnachgiebig wie effektvoll eingesetzt worden sind. Dafür würde es sich lohnen auf Paranoid zu verweisen und also auf die Hook eines ganzen Genres, so einfach und unkompliziert wie genial, Vorreiter für alles von Rock And Roll All Nite bis zu Enter Sandman. Andererseits käme es einem ignoranten Urteil gleich, Iommi auf diesen monotonen Auftritt zu reduzieren, nicht stattdessen die gestreckten Licks des kraftvoll schleppenden Iron Man oder gar das spacig-jazzige Schauspiel des Ruhepols Planet Caravan ins Rampenlicht zu stellen.

 

Auf alle Fälle wäre ohne ihn wenig los, was jetzt weder die charakteristisch freudlose Performance von Ozzy Osbourne, die Texte von Geezer Butler oder Bill Wards gern einmal spektakulärere Drumdarbietungen herabwürdigen soll. In Wahrheit gehören Black Sabbath zur erlesenen Gruppe der Rockbands, die aufgrund ihres schwächelosen Line-Ups als reines Gesamtkunstwerk gelten dürfen. Irgendwo dort oben am Olymp, wo Led Zeppelin thronen und R.E.M. zumindest noch als Halbgötter residieren dürfen. Der Sabbath'sche Gottstatus hängt aber sicherlich auch damit zusammen, dass der unerbittlichen Schwere der Metal-Prototypen Iron Man oder Electric Funeral, die beinahe poppige, jedenfalls zynische Eingängigkeit des rundum depressiven Titeltracks oder aber die verwunschen romantische Ruhe von Planet Caravan gegenüber stehen, also von eigentlich bemerkenswerter Wandelbarkeit die Rede sein darf.

 

 

Die hat jetzt inhaltlich weniger Platz, wiewohl man thematisch insbesondere mit dem psychedelisch angehauchten Closer Fairies Wear Boots einen Ausritt wagt. Trotzdem ist die Stimmung eine einheitliche und keine gute. "Paranoid" ist ein Manifest unterdrückter Wut, zufluchtslosen inneren Kämpfen und zynisch aufgenommener Ohnmacht vor der Entwicklung der Menschheit. Das ist gleichermaßen Treibstoff und Ballast, macht es doch die präzisen und trotz so kurzer Aufnahmezeit durchdachten Soundspielereien umso verständlicher und wirksamer, gleichzeitig aber die letzten beiden Tracks zu einem verhältnismäßig unwürdigen Abschluss, der weder Gravitations- noch künstlerische Kraft der ersten Albumhälfte mitbringt. Und trotzdem ist es ein Fest für alle Gitarristen, ein Fest für alle Misanthropen, ein Fest für alle Liebhaber der Härte. Nur die Satanisten werden zwischen legendären Riffs, Ozzys lautem Wehklagen und Melodien, die ein ganzes Genre auf ewig prägen, nicht so ganz fündig werden. Dann doch lieber "Das Omen" schauen und Opferrituale abhalten.

 

K-Rating: 9.5 / 10

 


Ein stolzer Mittelteil allein macht das Manifest unterdrückter Wut nicht zum Jahrhundertalbum.

 

Nachdem die erste Frage, ob denn ein buntes J-Pop-Album oder eine satanistische Heavy Metal-LP hier zuerst Einzug finden wird, nun hinreichend geklärt ist, gleich die nächste: Was haben alle nur mit Paranoid? Klar, bestverkaufte Scheibe der Band, genügend Kontroverse rundherum und ein Sound, der nicht nur die eigene Karriere beeinflussen würde. Dennoch hat man oft das Gefühl, jene Leute, die Paranoid guten Gewissens zum besten Band-Outing küren und sicher stellen, dass keine Bestenliste ohne das gute Stück auskommt, würden die anderen Werke im Kanon gar nicht erst kennen. Bei Sachkundigen und Fans sieht die Angelegenheit glücklicherweise anders aus, rittern neben LP #2 zumindest noch die anderen fünf Alben des Karriere einleitenden Sextetts mit. Und das nicht annähernd so chancenlos, wie so mancher Kritiker uns weismachen versucht.

 

Wobei das natürlich weniger Kritik an Paranoid, denn Plädoyer für die anderen Platten ist. Geniale Momente finden sich auf Ersterer nämlich zuhauf, allen voran am gemächlich durch Raum und Zeit schwebenden Planet Caravan. Irgendwie bizarr, den Höhepunkt des vermeintlichen Heavy-Metal-Höhepunkts ausgerechnet in dessen ruhigsten Minuten zu finden, mit seinem eleganten Zusammenspiel aus Congas, Klavier und Iommis Gitarre und Flöte ist es aber unmöglich, sich dem "spacig-jazzigen" Charme zu entziehen. Dass Tony Iommi ohnehin das große Um und Auf der Band ist, hat der Kollege ja ausführlich klargestellt, an seine dringlichen Riffs auf Iron Man und dem hypnotischen Electric Funeral wird sich nicht umsonst noch in hundert Jahren erinnert werden. Wobei man hier gerade bei diesen zwei Nummern auch keinesfalls die mächtige Rhythmusabteilung vergessen darf, mit Bill Wards scheppernd galoppierenden Drums einerseits und Geezer Butlers springendem Bass andererseits.

 

Ein weiterer großer Trumpf ist zweifellos die unheilvolle Atmosphäre, die sich speziell auch die Hand Of Doom mit seinen wiederholten Ausbrüchen und dem herrlich vielseitigen Bass zu eigen macht und die die meiste Zeit über der Platte schwebt wie eine riesige Gewitterwolke. Nicht immer kommt die aber so effektvoll rüber, wie wohl intendiert. Opener War Pigs beginnt bis zu seinem ersten Break verdammt stark, kehrt immer wieder zu ähnlich effektiven Instrumentalteilen zurück, macht aber den Fehler, zwischen den mächtigen Jams aus Gitarre, Bass und wuchtigen Drums immer wieder Ozzy Osbourne alleine die Bühne für dessen nervige Narration zu überlassen, was den Fluss ungemein stört und das Potenzial und die Dynamik nicht annähernd ausreichend ausschöpft. Daneben sind es dann noch der vermeintliche Ausflug ins Märchenland mit Fairies Wear Boots samt angenehmem Blues-Faktor, ein anständiges Instrumental (Rat Salad) und der lineare Signatursong und Titeltrack, den scheinbar jede gesunde Erfolgsstory halt so braucht, die einen interessanten, aber nicht überwältigenden Eindruck hinterlassen.

 

Macht in Summe einen nahezu makellosen Mitteilteil und einiges an Ausbaufähigem mit Potenzial drumherum. Paranoid mag ein Manifest unterdrückter Wut sein, vielleicht wäre es aber besser gewesen, diese gelegentlich raus zu lassen. Gründe dafür, warum alle so vernarrt in die zweite LP dieses beeindruckenden Quartetts sind, wurden immerhin genügend gefunden. In zwei Wochen geht es dann mit Kyary Pamyu Pamyu und der Welt des J-Pop weiter, stay tuned folks!

 

M-Rating: 7.5 / 10