NOFX - The War On Errorism

 

Watoosh!

 

Pezz

Veröffentlichungsdatum: 23.07.1999

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 03.07.2015


Das erste Leben der kanadischen Alt-Rocker war musikalisch weit weniger ertragreich als alles, was nachher kam.

 

Das durchschnittliche Neugeborene wiegt ca. 3,5 kg, erstreckt sich im Allgemeinen über etwa 50 cm, hat im besten Fall ein schweinchenrosanes Äußeres und einen gigantischen Schädel. Es ist perfekt! Alle Türen stehen ihm offen, Möglichkeiten noch und nöcher und alle haben das alienartige Ding mit überdurchschnittlichem Schrei- und Wein-Reflex unsagbar lieb. Von da an geht es bergab, manchmal steiler, manchmal weniger drastisch. Aber die Türen fallen bei jedem eine nach der anderen zu, die Möglichkeiten und 'bright sides of life' werden zunehmend weniger und man geht den Leuten immer mehr auf die Nerven, wenn man aus dem Nichts zu kreischen anfängt. Es gibt so Bands, da ist das ähnlich. Mit dem Debüt strömt einem unbändige Kreativität und Kraft entgegen, danach sieht man das alles nur noch davonschwimmen. Nennt man sich Sex Pistols, kommt man erst gar nicht so weit. Die Glücklicheren gehen den umgekehrten Weg und straucheln erstmal ordentlich, um dann aufzuholen. Billy Talent a.k.a. Pezz straucheln also in den 90ern...

 

Vielleicht kommt das ja wirklich nur davon, dass sie sich damals noch fast wie eine österreiche Zuckerlfirma riefen, vielleicht hat es aber auch mit dem altbekannten Quartett hinter dem Namen zu tun. Musikalisch scheint man nämlich erst nach dem Millennium in diesen Vortex geraten zu sein, der den starken Hardcore-Punk hervorgebracht hat. In alten Tagen ist man als junge Alt-Rock-Band mit Punk-Anstrich am Experimentieren interessiert und landet in merkwürdigen Sphären, die Green Day, Radiohead und dann doch wieder die nächstbeste Ska-Truppe in Erinnerung rufen könnten. Dass gerade letzteres gleich am besten funktioniert, fügt der unerwarteten Frühform der Kanadier nur ein Schäuferl hinzu. Opener M&M zeigt nämlich gar eine humorvolle Seite von Ben Kowalewicz, der sich mit seinem pointierten Gesang stark in die sprunghafte Bass/Gitarre-Kombo einfügt. Im gemäßigten Tempo mit klassisch abgeschliffenen und dann doch wieder nicht abgeschliffenen Riffs mausert sich die Nummer zum einzigen wirklichen Treffer der LP, auch dank der gelungene Emo-Verarsche in den Lyrics:

 

"But now-a-day's are different from way back when

so hard to be yourself when your 4+10

For the very first time I feel kind of special

My mom says "be normal" yet she just got a facial

 

When my parents go away on their trip to Club Med

Then I'll join your tour and be a real dead head

I heard a girl say that I do it for attention

I never thought of that but now that you mention...

 

I spent my last ten bucks today on black hair dye

You know dye rhymes with die!"

 

Aber keine Sorge, wird schon noch schwieriger. Mit dem netten Rocker Fairytale hält man sich zwar noch erfolgreich aus dem Gröbsten heraus, doch die Problemquellen sprudeln bald ganz ordentlich. In der Folge haben die Jungs nämlich immer weniger Zugriff auf diesen lockeren Stil, der sich mit hellen Riffs, nervig nasalen Vocals und verschwimmenden, undefinierbaren Stimmungslagen präsentiert. Mother's Native Instrument startet dahingehend dank Ian D'Sas damals schon nicht schlampiger Arbeit an der Gitarre ordentlich, wird aber mit der penetrant lauten Rhythm Section und schwierigem Pseudo-Reggae-Feel bald zur ersten kleinen Probe für die Nerven. Ein plötzlicher Härteausbruch bewahrt die mit fünf Minuten viel zu lange Nummer nicht davor, den undefinierbar unsympathischen Ton für so manch andere hier vorzugeben. Dort gehört dann sicher auch Recap hinein, dass sich neben anfangs nach leicht psychedelischer Grunge-Übung anhört, allerdings bis zum plötzlich ausbrechenden Outro auch dank Kowalewicz jeglicher Kraft und jeglichen Volumens ermangelnder Stimme in friedlicher Lethargie aufgeht. Den Vogel auf der Langweilerskala schießt dann erst das nicht enden wollende Absorbed ab. Dort wird wie nirgends sonst ersichtlich, wie kraft- und emotionslos sich die Musik gestaltet, wenn sie in Mid-Tempo-Gefilden steckenbleibt. Würde man die Riffs einzeln durchgehen, den Song bis aufs Letzte auseinandernehmen, die Kritik würde urplötzlich spärlich ausfallen. Doch in dieser Mischung aus banalen Drums, merkwürdig zusammengewürfelten Gitarreneinsätzen und der bassgetragenen Schwere überlebt fast nichts, was der Track potenziell zu bieten hätte.

 

Wem das zu viele negative Vibes sind, der wird meine Reviews wohl ohnehin nicht mehr lesen, alle anderen dürfen aber trotzdem auf leichte Relativierung warten. Um Überhand nehmender Langeweile zuvorzukommen, erleben nämlich hie und da doch noch die späteren aggressiven Jungs ihre wackelige Geburtsstunde. Noch immer zu hell klingend und konventionell, um einen vom Hocker zu hauen, mit Bird In The Basement und Warmth Of Windows aber wenigstens wieder in ordentlichen Lagen. Dort übernimmt Ian D'Sa dann doch klarer das Kommando, lässt ein paar röhrende Riffs los und wird im besten Fall sogar noch von plötzlich energiegeladenen Aaron Solowoniuk an seinen Drums unterstützt. Und urplötzlich ist Leben in der Bude, auch wenn man nach M&M nicht mehr in die Verlegenheit kommt, sich wirklich an irgendwelchen lyrischen Ergüssen zu ergötzen. Den Höhepunkt dieser inhaltsleeren, aber wenigsten rockenden Minuten bildet der Vorgeschmack auf spätere Großtaten, When I Was A Little Girl. Dort ist alles an dem Platz, wo es auch unter dem Namen Billy Talent einige Jahre sein sollte, es wird nur weniger gekonnt ausgeführt. Was kurzweiliger Unterhaltung voll von purer Energie und den ersten nicht zu entziffernden Schreien von Ben Kowalewicz aber nicht wirklich im Wege steht.

 

Auf Albumlänge wird man mit "Watoosh!" trotzdem nicht und nicht warm. Vielleicht ist es gar nur die Tatsache, dass die 'Band formerly known as Pezz' unter ebendiesem Namen wenig von dem ihr Eigen nennen kann, was später für großartige Songs gesorgt hat. Doch trotz guter Produktion und massig Ideen wirken die spartanisch zusammengestellten, unweigerlich überlangen Tracks zu oft so, als könnte man den Jungs nur wegen des Bemühens auf die Schulter klopfen. Ansonsten bleibt in diesem Sammelsurium erster Schritte zum nicht erreichten Weltruhm nicht viel über, dass genug Interesse wecken kann, als dass man ihm wirklich Charakter und Qualität attestieren könnte. Naja, wie sagt man so schön, Baby Steps.

 

Anspiel-Tipps:

- M&M

- Fairytale

- When I Was A Little Girl