Bernhard Eder - Reset

 

Reset

 

Bernhard Eder

Veröffentlichungsdatum: 10.05.2019

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.05.2019


Elektronik-Oldtimer als Mittel der Wahl für einen meditativen Schleichweg durch die Melancholie.

 

Wenig überraschend, ist es durchaus leicht, sich als Künstler etwas zu viel vorzunehmen. So ziemlich jede Kunstform lädt dazu ein, weil die Kombination aus ambitionierten Visionen, einem kaum einzugrenzenden Füllhorn an Möglichkeiten zur Umsetzung und ein verdammt vielen Kunstschaffenden innewohnender Perfektionismus für einen Maler, Autor oder Musiker gleichermaßen zu unliebsamen Kollisionen mit den Gegebenheiten der Realität führen wird. Meistens zumindest, auch wenn wir Menschen uns netterweise angewöhnt haben, hauptsächlich die wenigen Geniestreiche, die das zu viel Vorgenommene zumindest annähernd erreicht haben, im gemeinschaftlichen Gedächtnis zu bewahren. Nun gibt es genauso Leute, die aus verschiedensten Gründen kleineren Maßstäben unterliegen und sich trotzdem, manchmal komplett unbemerkt, auf schwieriges Terrain vorwagen. Bernhard Eder könnte man da mit "Reset" durchaus dazuzählen, einer gewagten Dreifachaufgabe sei Dank.

 

Denn diese LP bedeutet schon einmal einen sehr deutlichen Schritt weg von der angestammten musikalischen Heimat, bringt einen markanten Tausch mit sich. Wo früher Gitarrenklänge dominiert haben, regiert nun elektronischer Minimalismus. Am Temperament ändert das erst einmal wenig, denn eine bluesige Schwere, ominpräsente Melancholie und eine spürbare zerbrechliche Zurückhaltung waren schon in früheren Jahren mal mehr, mal weniger der wesentliche Kern vieler seiner Songs. Doch der mysteriöse, mitunter gespenstische Hauch, den die analog gehaltene Elektronik mitbringt, der ist neu und verleiht den Kompositionen einen etwas unnahbaren, kryptischen Charakter. Man käme kaum auf die Idee, das zu bemängeln, auch weil vom Opener Hell weg deutlich wird, dass eingängige Melodien vielleicht nicht das primäre Ziel des Albums sind, aber doch eine dauerhafte Begleitung, was auch und vor allem an der butterweichen Stimme des Oberösterreichers liegt. Die begegnet einem zumeist mehrspurig, singt einem in sanftester Manier fragmentarische Zeilen entgegen, summt darüber, darunter und dazwischen, bedient sich im Hintergrund tieferer Töne oder haucht kaum hörbar ins Mikro. Das trägt durchaus zu diesem ambivalenten Bild zwischen träumerischer Entrücktheit und melancholisch-düsterer Schwere bei, das sich nie zu sehr für eine Seite entscheidet.

 

Damit wären aber die potenziellen Stolpersteine immer noch nur angerissen. Denn die beschriebene atmosphärische Zwiespältigkeit ist eine komplizierte Sache, hält sie einen doch oft genug ein bisschen in der Schwebe, wie man die Tracks nun auffassen soll. Nur weniges klingt so eindeutig an wie der dezent apokalyptische Minimalismus von No Man's Land, in dem die E-Gitarre mit kurzen, rauen, nachhallenden Akkorden neben den surrealen, angestaubten Elektronik-Orgel-Klängen das Bild prägt und eine karge Szenerie ergibt. Wobei es ein Allgemeinzustand ist, dass der Fokus auf elektronische Instrumentierung kein wärmendes Ganzes ermöglicht. Auch Songs wie Hell oder #Seven vermitteln eine profunde Tristesse. Das wiederum ist nicht negativ zu verstehen, gerade #Seven überzeugt mit diesem drückenden Minimalismus und wirkt ein wenig so, als wären Popul Vuh auferstanden, um noch ein letztes Mal einen Film von Werner Herzog zu begleiten, wenn auch ungleich kleinlauter. So etwas lässt sich, glaube ich, relativ schwer nicht verdammt gut finden, auch wenn man zu dem Zeitpunkt fast schon über den Zenit des Sounds oder zumindest über den eigenen Sättigungsgrad hinaus ist.

 

Dass man in Anbetracht der eher lethargischen Minuten von Theme For Lulu oder auch den kurz nach dem harten Intro eher plätschernden Tönen in Hell Part II (Bux SG) nicht bereits früher übersättigt ist, dafür sorgen die Upbeat-Kompositionen wie Aliens, Pixelated oder Casiotone 601. Ersteres erinnert frappant an Radiohead zu Anfang des Jahrtausends, steigert sich vom ruhigen, mit schwelenden Synthklängen ausgekleideten Beginn zu einem immer lebendigeren Ganzen, dessen pulsierender Beat ungewohntes Leben in den Song bringt. Das paart sich interessanterweise unglaublich gut mit Eders geschmeidigem Summen und seinem hohen Gesang. Casiotone 601 wird auf der anderen Seite seinem Titel gerecht, indem es die Casio-Heimorgel in den Mittelpunkt rückt und rundherum mit dynamischer Percussion aushilft. Garniert man das in der zweiten Songhälfte mit der verführerischen Stimme von Petra Staduan, käme man beinahe in Versuchung, sie auf dem ganzen Album hören zu wollen. Beiden Songs gemein ist, dass sie der LP Leben einhauchen. Eder bewahrt sich und seine Songs damit davor, eher in lethargische, endlos undynamische Schwere zu verfallen und so die drückende Atmosphäre anstrengend werden zu lassen.

 

Womit auch hier einer Herausforderung sehr erfolgreich begegnet wurde. Insofern gelingt es Eder ziemlich eindrucksvoll, nicht nur eine zumindest instrumentell relativ drastischen musikalischen Wandlung überzeugend zu gestalten. Er schafft es noch dazu, die an vergangene Jahrzehnte erinnernden Elektronikklänge weder kitschig noch billig klingen zu lassen, sondern schafft erfolgreiche Reminiszenzen an Krautrocker und die düsteren Seiten des 80er-Synth-Pop. Und als ob das noch nicht genug ist, wohnt dem Ganzen noch eine emotionale Tiefe inne, die man zwar fast nie einwandfrei deuten kann, die einen aber definitiv nicht kalt lässt.

Abstriche muss man machen, weil zumindest Theme For Lulu und das finale The Last Dance die Grenze vom atmosphärischen Minimalismus hin zur bewegungsarmen Lethargie anvisieren und darüber hinaus der einzige wirkliche Volltreffer, den das Album anzubieten hat, nämlich das geniale, unheilvoll anklingende The Rise And Fall Of Cool Britannia zu einem Dasein als Bonustrack verdammt ist. Der Rest ist zu gut, um einfach Rest genannt zu werden, fasziniert einen aber immer nur kurzzeitig wirklich und droht mitunter, etwas an einem vorbeizufließen, bevor man im richtigen Moment wieder von der Musik eingefangen wird oder der nächste Song beginnt. Damit bringt es "Reset" vielleicht nicht zu einem wirklich großen Album, aber Bernhard Eder ist trotzdem etwas gelungen, das vereinnahmen und dem man sich lange und mit gebotener Aufmerksamkeit widmen kann und sollte.