Belle And Sebastian - Tigermilk

Tigermilk

 

Belle and Sebastian

Veröffentlichungsdatum: 06.06.1996

 

Rating: 9 / 10

von Daniel Krislaty, 21.06.2014


Gestartet als College-Projekt, erobern B&S mit gefühlvollem Pop und durch Mundpropaganda in Windeseile ganz Schottland.

 

Die beinahe 90er-typische Entstehungsgeschichte alternativer Rockbands soll‘s also sein. Nun gut, Gründer und Sänger der Band Stuart Murdoch belegte 1995/96 einen Kurs für Musikproduktion am Stow College in Glasgow, der sein Leben und das vieler anderer für immer verändern sollte. Als Hausarbeit stand nämlich die Herausgabe einer selbstproduzierten Aufnahme an, deren Umfang sich für Üblich im Rahmen eines Tracks bewegen sollte. Murdoch hatte jedoch bereits genug eigenes Material zur Verfügung, um die Vorgabe auf ein gesamtes Album auszuweiten. Er schnappte sich zu diesem Zweck einfach ein paar interessierte Mitschüler, die idealerweise auch ein Instrument beherrschten, und schnürte sogleich seinen ersten Longplayer. Begeistert vom Ergebnis entschied die Kursleitung erstmals überhaupt ein ganzes Album 1000-fach auf Vinyl zu verewigen, was der bald daraufhin einprasselnden Nachfrage, begünstigt durch weitere Veröffentlichungen, nicht ansatzweise standhielt. Da die digitale Revolution der (auch illegalen) Up- und Downloads im Musikzeitalter erst unmittelbar bevorstand und die Band durch ein paar Kassetten als Tropfen auf den heißen Stein der Forderungen der Fans bloß minimale Abhilfe leisten konnte, kam es 1999 zur längst überfälligen Neuauflage des Debüts und zum sehnlichst erwünschten Zugang für das weltweite Publikum, auch wenn jenes sich dessen meist noch gar nicht bewusst war bzw. ist.

 

Was aber macht Belle & Sebastians Jungfernflug so einzigartig, dass er heute beinahe kultisch verehrt wird? Nun zunächst mal, dass die Band sowohl ihre teilweise zum Brüllen komischen Texte also auch die vielleicht eher nachdenklicheren Songs mit der gleichsam unbekümmerten musikalischen Untermalung aufputzt. Dabei ist jedoch keinesfalls von struktureller Eintönigkeit die Rede, sondern bloß der generell sanfte Upbeat-Charakter ihrer Kompositionen ausgemacht. Wie schaffen sie es zum Beispiel, mich bei einem Lied wie She’s Losing It, das mit den Zeilen "Lisa knows a girl who’s been abused" beginnt, in Sicherheit und Wohlwollen zu wiegen, bevor ich in den instrumentalen Passagen am liebsten selbst zwischen Streichern und Trompeter das Tanzbein schwingen möchte? Ein Geheimnis, das sich mir wohl niemals offenbart und 'Belles' Tigermilk auf gute Weise speziell macht.

 

Auch das sarkastische I Don't Love Anyone und bittersüße My Wandering Days Are Over folgen der Formel, positive Vibes mit eher betrüblichen Botschaften auszustatten. Dabei tragen zudem abermals die 'aufheulende' Blassektion in den Breaks zwischen den Versen und die mehrstimmig gesungenen Refrains zum überzeugenden Gesamtprodukt bei. Mit der verträumten Flöte und Murdochs lieblichen Geflüster führt uns schließlich der harmonische Closer Mary Jo durch die Tore der letzten mit Zuckerwatte gefüllten 'Emotionshüpfburg' Tigermilks.

 

"Yeah, life is never dull in your dreams

A pity that it never seems to work the way you see it

Life is never dull in your hand

A sorry tale of action and the men you left for

Women, and the men you left for

Intrigue, and the men you left for dead"

 

Deutlich mehr Unstimmigkeiten kündigen sich da schon beim sehr gekünstelt wirkenden Mittelteil bestehend aus Electronic Renaissance sowie I Could Be Dreaming an. Die im Gegensatz zum Rest ungewöhnlich langen Songs dokumentieren dabei Belle & Sebastians Experimente mit verzerrtem Gesang, gesprochenen Texten im Hintergrund und – vor allem bei der 'elektronischen Auferstehung' – zügellosen Synthesizer-Tricksereien begleitet von 80er-Jahre Keyboard-Riffs. Diese pseudokünstlerischen Zierde hebt sich stark vom passend eindimensionalen und organischen Sound davor wie danach ab und kennzeichnen Tigermilks zwischenzeitige Talfahrt.

 

Hochwertiges Material präsentiert Belle & Sebastian hingegen bereits beim ersten 'Vorhang auf'. Opener The State I Am In erzählt vom Kampf gegen die nihilistische Einstellung der Gesellschaft bezüglich des Konzepts der Liebe. Murdoch setzt dabei auf poppige Melodien und hämische Lyrics, um das Bild einer Person zu malen, die erfolglos versucht, die Werte dieser besonderen Innigkeit und deren umgebende Aura auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz dazu formuliert We Rule the School die bezaubernde Aufforderung, sich selbst sowie all seine Eigenheiten zu akzeptieren und das Leben 'solange man kann' in vollen Zügen zu genießen. Wie die dreifach hintereinander gesungene Zeile "You know the world was made for men" nahelegt, hält die Welt nämlich bloß für dominante Menschen, die sich auf die praktischen Seiten des Lebens konzentrieren, die größte Aufmerksamkeit und Macht bereit. Ihnen sind die kleinen aber wunderschönen Dinge wie die zuvor erwähnten 'Pirouetten auf dem Eis' oder 'in Buchen geritzten Initialen' egal. "Not us", entgegnet Murdochs fragiles Stimmchen daraufhin.

 

An der eigenen Einzigartigkeit unbedingt festzuhalten und sogar stolz darauf zu sein, predigt auch Expectations, mitunter einer der bekanntesten Tracks der Band überhaupt. Im Kontext zwischen schulischer Ausgrenzung und stereotypischer Jugendproblemchen drückt Belle & Sebastian zudem abermals das Unverständnis für und den subtilen Ärger über konservative 'Erwartungen' der Allgemeinheit aus und widmet den Titel der unbefangenen Besonderheit des Erwachsenwerdens.

 

"And the head said that you always were a queer one from the start

For careers you say you want to be remembered for your art

Your obsessions get you known throughout the school for being strange

Making life-size models of the Velvet Underground in clay"

 

Fulminanter Einstand also für die schottischen Grünschnäbel und ihrem unterhaltsamen als auch gesellschaftskritischen Debüt. 'Kitschig' mag wohl ebenso als passendes Prädikat durchgehen, bedenkt man den Stilbruch verglichen mit der Rohheit hochlebender alternativer Rockbands zur Zeit der Veröffentlichung. Auch das Wesentliche des in Großbritannien großzügig etikettierten Brit Pop stimmt nicht mit der musikalischen Eleganz Tigermilks überein, das durch eine orchestrale Lightversion dezenter Blass- und Streicheinsätze komplexere Melodien zuteilwerden lässt.

 

Bis auf den angesprochenen mittleren Abschnitt, der den sensiblen Tiefgängen des restlichen Albums zwar kaum das Wasser reichen kann, aber dem ich trotzdem so manch gelungene Momente nicht absprechen möchte, spielt sich diese LP wirklich ohne Fehl und Tadel. Dazu stellen Murdochs leicht seltsames wie unverwechselbares Lispeln und ausgeprägter Faible, in ergreifender Art und Weise über oder aus der Perspektive von Frauen bzw. Mädchen zu schreiben, die herausragendsten Eigenschaften dieser herzerwärmenden Liedersammlung dar.

"Do something pretty while you can"