Bad Religion - Into The Unknown

 

Into The Unknown

 

Bad Religion

Veröffentlichungsdatum: 30.11.1983

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.01.2019


Ambitionslos zum ambitionierten Synth-Prog-Rock, dem man nicht auf allen Ebenen Herr wird.

 

Naturgemäß finden sich zuhauf Gründe, warum man einem Album durchaus mit Misstrauen begegnen kann und vielleicht sogar soll. Vielleicht ist es billig und unprofessionell, da die vorherrschende Rezeption anzuführen, aber natürlich bleibt man nicht ganz unbeeinflusst von dem, was andere so über eine LP sagen. Misstrauen baut sich da übrigens an beiden Enden, also sowohl bei den gewaltig verrissenen als auch bei den in den Himmel gelobten Werken auf. Dann gäbe es aber noch die großspurigen Ankündigungen der Künstler selbst, die einen die Stirn runzeln lassen. Was jene, die ein Album erschaffen, darüber zu sagen haben, kann aber nach der Veröffentlichung noch wichtiger werden. Dann nämlich, wenn zum Beispiel ein gewisser Brett Gurewitz meint, das zweite Album der von ihm angeführten Punk-Legenden Bad Religion wäre ein Fehltritt gewesen. Das kann man nicht einfach so außer Acht lassen, weil ja da der (Teil-)Urheber spricht und wenn der was daran auszusetzen hat, muss man fast sicher sein, dass da etwas nicht stimmt. Aber nur, weil etwas nicht stimmt, muss das noch lange nicht alles sein.

 

Wobei es dann doch wieder alles ist, weil alles hier unter dem schlechten Stern einer sich vom Hardcore Punk verabschiedenden Hardcore-Punk-Band steht. Wie fatal das in Wahrheit ist, belegt womöglich die Tatsache, dass die Band daran zerbrochen ist, hinreichend. Dass die Hinwendung von waschechten Punkern hin zu einem proggigen, mit Synthesizern umrahmten und alles in allem recht aufgeblasenen Rock nicht wirklich reibungslos funktionieren kann, erklärt sich wohl auch durch die Entstehungsgeschichte des Punk als Reaktion auf die aufgeblasenen Tendenzen der Progger und Heavy-Metaler der 70er. Soviel zur grauen Theorie, die Realität zeigt, dass bei den US-Amerikanern immerhin keiner an 20-minütige Suiten oder ausufernd epische Klangwände gedacht hat, die Exzentrik also ziemlich in Schach gehalten wurde. Stattdessen ist "Into The Unknown" in Wahrheit harter Synth-Rock, dem man zwar spätestens mit dem länglichen Time And Disregard einen Sprung in den Prog-Rock vorwerfen kann, der aber ansonsten nicht weiter weh tut.

Aber er negiert bis zu einem gewissen Grad die Stärken der Band. Denn der mitunter verspielte, vor allem aber sphärisch angelegte Keyboard-Sound, der einige Songs durchzieht, sorgt zusammen mit der gemächlicheren Gangart für eine fast komplette Absenz jeder Wut und Aggressivität. Stattdessen sollte es wohl eine düstere, vielleicht gar endzeitliche LP werden, die mit einer teilelektronischen Apokalypse aufwartet. Das ist insofern redundant und fehlgeleitet, als dass doch "How Could Hell Be Any Worse?" bereits hinlänglich die Apokalypse verkörpert hat, ohne dabei in den depressiven Anwandlungen auf den lautstarken Angriff zu verzichten. Dafür hätte es also keinen Soundwechsel gebraucht.

 

Aber er stört jetzt auch nicht gewaltig, auch wenn man sich ziemlich umstellen muss. Zwar rollt It's Only Over When... mit harten Gitarren heran, die schimmernden Retro-Keys sorgen aber dafür, dass man sich eher an eine Mischung aus der damaligen Genesis-Inkarnation und Gymnastikvideos dieser Jahre erinnert fühlt. Das wirkt wie ein vernichtendes Urteil, vor allem dank Gurewitz' Arbeit an der Gitarre und den trocken produzierten Drums klingt diese musikalische Neuerfindung aber durchaus ordentlich. Zugegebenermaßen bleibt von der erdrückenden, hochpolitischen Schwere der Texte, die bei Bad Religion die 80er dominiert haben, nicht viel über, wenn sie in einer solchen klanglichen Suppe ertränkt werden. Deswegen wirkt das Album auch überraschend locker in Anbetracht dessen, wie voluminös es trotz karger Produktion ausgestaltet ist. Billy Gnosis ist nämlich beispielsweise einfach ein lässig heruntergespielter Rocksong nach 60er-Machart, dem zwar die schrilleren Keyboard-Töne weniger helfen, aber sonst kaum etwas vorzuwerfen wäre. Die Hook kann sich hören lassen, der kernige Riff sitzt, Graffin scheint sich gesanglich auch im beschwingteren Sound wohlzufühlen.

 

Blöderweise ist das ein Track von acht und der Rest macht zumeist keine Anstalten, sich ähnlich positiv einzuprägen. Interessanterweise begegnet man gleichzeitig keinen kompletten Fehltritten, auch wenn die hymnischen Synth-Wände von The Dichotomy ein bisschen zu viel Glam und The Final Countdown sind, während A Million Days nicht so wirkt, als hätte die Band bereits für sich geklärt, wie man denn nun eine melancholische Power-Ballade davor retten will, eher langweilig dahinzudümpeln. The Dichotomy überlebt übrigens trotz solcher Vergleiche ganz gut, weil es einfach so wunderbar überschießend kitschig klingt, dass man ein bisschen daran zweifeln darf, ob es denn ernst gemeint war. Solche Überlegungen haben bei Time And Regard weniger Platz, dafür fragt man sich, warum der Song nicht einfach nach der atmosphärisch dichten und trotzdem musikalisch gut zu verdauenden ersten Hälfte enden durfte. Dass er nämlich sieben Minuten lang dauert und die folkigen Anwandlungen im Album- und Bandkontext zunehmend merkwürdiger anmuten, hilft dem Gesamteindruck nicht unbedingt.

 

Da hat man so etwas wie Chasing The Wild Goose trotz des schrägen Titels schon viel lieber. Zwar schrammelt Gurewitz da an seiner Gitarre etwas ereignislos dahin, dafür verträgt sich der gleichermaßen knarrende wie luftige Sound der Riffs gut mit den wuchtigen Drums und sogar mit den zwischenzeitlichen den Ton angebenden Synthies. Die bändigt die Band nur einmal in einer Form, dass man von einer wirklich makellosen Umsetzung sprechen kann. Der daraus resultierende Song, Losing Generation, gehört deswegen noch lange nicht zu den besten der Band, kommt nicht einmal an Billy Gnosis vorbei. Das liegt aber tatsächlich eher daran, dass man der monotonen Gangart des Songs überdrüssig wird. Ein bisschen zu lang mag er also sein, doch es ist das Maximum an Aggressivität, das diese LP zu bieten hat, und kann als solcher mit dem starken Riff-Stakkato in den Strophen, genauso aber mit den von den Keys dominierten Instrumentalpassagen überzeugen, auch wenn die weniger zur inhaltlichen Schlagkraft beitragen. Dahingehend ist es wiederum erfrischend, Graffin in seiner lauteren Version zu hören und damit auch die düsteren Zeilen eindringlicher präsentiert zu bekommen.

 

Das reicht alles in allem zu keinem glorreichen Auftritt, allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass die Band in Anbetracht des ziemlich radikalen Soundsprungs beeindruckend wenig wirklich verhaut. In kompletter Songform eigentlich gar nichts, auch wenn man nicht umhin kommt, sich nach dem Sinn zu fragen. Wiederum ist es Brett Gurewitz vorbehalten gewesen, die spontane und letztlich gehetzte Entstehung des Albums zu offenbaren. Die erklärt vielleicht, wieso die Mischung aus Synth-, Prog- und Hard Rock die Frage nach dem Warum aufkommen lässt. So wirklich lässt sich die nicht beantworten, was daran liegt, dass man den hymnischen, mitunter kitschigen, auf alle Fälle weniger düsteren Sound nicht ganz mit den wohl unverändert ernsten Texten in Einklang bringen kann. Trotzdem ist das Gesamtbild kein sonderlich schlechtes und man kann, wenn auch möglicherweise nur mit dem Willen, die übrige Bandgeschichte auszublenden, durchaus Gefallen finden am Retro-Touch des Albums. Ein Meilenstein ist es trotzdem in keinster Weise und die Gründe dafür, warum "Into The Unknown" beinahe das Ende der Band bedeutet hat, sind allzu offensichtlich.