Arctic Monkeys - Whatever People Say I Am, That's What I'm Not

 

Whatever People Say I Am, That's What I'm Not

Arctic Monkeys

Veröffentlichungsdatum: 23.01.2006

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 25.07.2014


Die erste große Internet-Band hält dem großen medialen Druck stand.

 

Ich erinnere mich gut an die Zeit, bevor das Debüt der Arctic Monkeys in die Läden kam. So viele Vorschusslorbeeren für eine Band, die noch nicht mal einen Plattenvertrag in der Tasche hatte und nur aufgrund des Internets in aller Munde war, das war mir bis dato nicht zu Ohren gekommen. Nun wusste ich, wie sich ein Hype anfühlt. Als Besagtes dann erschien, verstummten die Lobreden freilich nicht, die nächste 'beste britische Band' seit weiß Gott wann war geboren. Nun, bald neun Jahre später, steht das gefeierte erste Album am Pranger…

 

…und man kann nicht behaupten, es wäre schlecht gealtert. Opener The View From The Afternoon geht mit mächtiger Dynamik von der ersten Sekunde an die Barrikaden, nur um diese nach einem zwischenzeitlichen Stopp schließlich endgültig zu durchbrechen. Dynamisch und mit groovendem Bass verharrt die Scheibe auch, Lead-Single I Bet You Look Good On The Dancefloor hat nicht viel von seiner kraftvollen Unmittelbarkeit eingebüßt und ist heute wie damals in Clubs mit Rock-Affinität gerne gehört. Aber auch praktisch jeder andere Track lädt mit seinen mitreißenden Rhythmen und Alex Turners' Gespür für eingängige Melodien ein, das Tanzbein zu schwingen. Beste Beispiele hierfür sind das fetzige Dancing Shoes, das die roten und weißen Blutkörperchen Boogie tanzen lässt und das mit einem großartigen Riff versehene Red Light Indicates Doors Are Secured, bei dem sich dann auch noch die Blutplättchen nicht mehr zurückhalten können.

So spielen sich die Internethelden mit abgeklärtem Rock 'n' Roll durch die knapp 40 Minuten, liefern neben beeindruckenden Up-Tempo-Nummern wie Fake Tales Of San Francisco und When The Sun Goes Down auch noch eine hübsche Ballade in Riot Van, ausgezeichnet in der Mitte als kleiner Puffer platziert und mit viel Gefühl vorgetragen. Natürlich ist nicht alles gold, was die Gitarren-Rocker uns auf ihrem Erstling servieren. Denn bis zum Ende können sie die Spannung nicht immer aufrechterhalten, den einen oder anderen Track könnte man hier kritisieren, wie den schon vom Titel weg zum Scheitern verdammten Perhaps Vampires Is A Bit Strong But…

 

Wenn jedoch am Ende mit dem grandiosen Pop-Song A Certain Romance die vielschichtigste und cleverste Nummer präsentiert wird, kann man den jungen Greenhorns eigentlich nicht mehr böse sein. Zu einnehmend die schöne Melodie, zu authentisch Frontmann und Vorstadtpoet Turner, der insgesamt einen starken Auftritt hinlegt:

 

"'Cause over there there's broken bones

There's only music so that there's new ringtones

And it don't take no Sherlock Holmes

To see it's a little different around here"

 

Great Britains größter Hype seit Oasis hat einen guten Job gemacht, den großen Jubelstürmen Angemessenes entgegenzubringen. Auch wenn die Jungs nicht das neue Morning Glory abliefern, bringt das Debüt der exzentrischen Briten einen unterhaltsamen Ritt durch jugendliche Erlebnisse und einen wichtigen Beitrag zum britischen Garage Rock-Revival. 'Beste britische Band'? Ja, seit den Libertines!

 

M-Rating: 8 / 10

 


Die wunderbare Welt des Sheffielder Nachtlebens. Ein Roman ... äääh ... Album von Alex Turner & Co.

 

Ach, das bisschen Gerede. Wen interessiert's denn? Mich garantiert nicht, denn von all dem Bauchpinseln bekomme ich als dezenter Medienverweigerer ohnehin nichts mit. Dementsprechend geht es mir auch reichlich am ...... (fill in fitting word here) vorbei, welche Band denn nun gerade die Herzen von Fans und Kritikern zugleich zum Schmelzen bringt. Aber, wehe, deren Musik landet dann bei mir. Da ist das objektive Desinteresse dahin, stattdessen gibt's akustischen Genuss aus den Vororten Sheffields, dem auch ich mich nicht erwehren kann.

 

Wobei man mir das mit einem Opener wie The View From The Afternoon auch geflissentlich schwieriger macht, als andere Indie Rocker das vermögen. Eine Power, die im Genre ihresgleichen sucht, ähnlich schaut's stimmlich aus, wenn Alex Turner einsteigt und wirklich zum Jubeln sind dann die Drums von Matt Helders, denen man zu Recht das Video gewidmet hat. Also bin ich eigentlich in ähnlichem Maße überzeugt wie mein Kollege und das setzt sich auch in ähnlicher Art fort. Denn mit ihren sympathischen Stories aus dem englischen Clubleben, zum Leben gebracht durch Turners humorvolle Arroganz, schafft es die Band lange auf höchstem Niveau zu überzeugen. Das mit Dance-Attitüde und Pop Punk-Akustik ausgestattete Duo I Bet You Look Good On The Dancefloor und Dancing Shoes gehört da genauso hin wie das erfrischend unfreundliche Still Take You Home oder die Hommage an so manch beschissenes Konzert in Fake Tales Of San Francisco. Die Band lässt einfach nicht locker in der ersten Albumhälfte, fabriziert mit den einprägsamen Refrains, den treibenden Beats und den starken Riffs den Inbegriff großartigen Rocks.

 

Aber man merkt, der Hinweis auf die erste Hälfte ist da. Denn der Absturz folgt. Komplett aus dem Nichts taucht die ernüchternd schwachbrüstige Akustik-Nummer Riot Van auf, der auch die Zeilen "Have you been drinking son / You don't look old enough to me / I'm sorry officer, is there a certain age you're supposed to be / Cause nobody told me" nicht mehr viel geben können. Und der Weg zurück aus dem Loch führt sie erst über die Durchschnittsnummern Red Lights Indicates The Doors Are Secured und den schon vom Kollegen erwähnten Vampir-Track. Da straucheln sie kurz und lassen Schwächen vermuten, die man lange nicht sehen konnte. Träge und störrische Melodien sind es mit mühsamen Bass-Lines und wenig vom vorher so großartigen Wortwitz.

 

Nur gut, dass der bald wieder da ist und neben dem schon oben bejubelten A Certain Romance vor allem auch When The Sun Goes Down ganz ordentlich streift. So ein kleines Ständchen auf Prostituierte kann eben doch etwas Feines sein, wenn Turners alte Stärken wieder durchkommen und man nicht nur eine der sympathischsten Stimmen des Genres zu hören bekommt, sondern auch einen mit Humor gesegneten Texter - als Interviewpartner soll er ja weniger davon besitzen.

 

Aber es geht ja zur Erleichterung der Band nicht um deren Interviews. Auch Unsympathler können nämlich großartige Musik abliefern und die Arctic Monkeys sind ein weiterer lebender Beweis dafür. Auf ihrem Debüt strotzen die Jungs nämlich vor Energie, netten Geschichten aus dem heimatlichen Nachtleben und einem starken Gefühl für eingängige und lebhafte Melodien. So wird aus der eher banalen und durchschaubaren LP rund um ein paar partyaffine britische Twenty-Somethings im Handumdrehen eine der gelungensten und kurzweiligsten Indie-Platten des neuen Jahrtausends.

 

K-Rating: 8 / 10