Anna F. - ...for real

...for real

 

Anna F.

Veröffentlichungsdatum: 05.02.2010

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.07.2014


Little Miss Sunshine aus der Raiffeisen-Werbung ins Pop-Nirvana. Nicht der beste Weg ins Glück, auch nicht der schlechteste.

 

Nun, bei jungen, attraktiven Pop-Sängerinnen mit angenehmer Stimme bleibt der selbsternannte Musikkritiker grundsätzlich skeptisch. Sollte er immer sein, hier ist er es besonders. Denn zu leicht verfällt man dem anfänglichen Charme dieser mehr oder weniger talentierten Singer/Songwriter und ihrer streichelweichen Einlagen und zu oft hat's genau das auch schon gegeben. Wenn der große Karriere-Booster auch noch ein Commercial-Beitrag als Hintergrundbeschallung für Hermann Maier ist, tja, dann stehen die Karten schon wirklich nicht gut. All das muss die 25-jährige Steirerin also mit sich im Rucksack herumschleppen, während sie gleichzeitig versucht sich als selbstständiges Kreativbündel zu präsentieren. Und man merke, beide Seiten haben ihren wahren Kern.

 

Denn Anna F.'s Musik bewegt sich in Sphären, in denen nicht einmal der zynischste Pop-Hasser wirklich austicken könnte. Opener Time Stands Still, mit dem sie tatsächlich über Nacht zur neuen Pop-Hoffnung des Landes wurde, verdeutlicht das in unglaublichem Ausmaß. Kurz kann einen die Banjo-Eröffnung täuschen, aber nein, es bleibt doch beim netten Akustik-Pop für zwischendurch mit ebenso ehrlichen wie belanglosen Lyrics. Dieses Asset, diese beinahe vollkommene Austauschbarkeit, macht sich durch und durch hier breit. Einzig ihre soulige, im gleichen Moment aber sonnige Stimme bietet genug Charakter, um ein ordentliches Lob dafür auszusprechen. Abseits davon sind es Beats, die man seit Jahrzehnten kennt, mindestens genauso alte Texte und keine Spur von jugendlicher Angriffslust.

 

So vernichtend dieses Urteil klingen mag, ist es eben doch nur die eine Hälfte dieser nicht so glänzenden Medaille. Die andere ist, dass Anna F. sich hier mit diesem lockeren Folk Pop als die vielleicht zugänglichste Freizeitbeschallung der letzten Jahre beweist und damit auf Jack Johnson'sche Art ihre unverkennbaren Qualitäten hat. Vor allem zu Beginn wird das deutlich, wenn mit Most Of All und Another Song hintereinander die besten Nummern der LP in den Ring steigen. Diese ruhigen Songs zeigen eine erfreulich eingängige und vergleichsweise frische Mischung aus Frohsinn und Melancholie, bieten die unbestritten vollsten Arrangements hier und bringen auch ohne laute Töne Leben in die ihnen zugestandenen Minuten. Keine Frage, die Drums sind noch immer banal, an der Gitarre kommt auch hier ein gewisser Pseudo-Country-Charme durch und das Klavier darf nur sporadisch seinen nicht unwichtigen Platz einnehmen. Allerdings wurde hier wie sonst nirgendwo auf dem Album ein ausgewogenes Maß zwischen ultimativem Chart-Blick und einer Liebe zum Detail und der Musik im Allgemeinen gefunden. Diese wenigen Tracks sind es, die einen Anna F. dann doch wieder etwas Respekt zollen lassen.

 

Diese und auch The Ghost Is Gone und Thank God I'm A Woman. Mit den emotionalen Momenten solcher Alben hat man's immer schwer, hat doch der Begriff Glaubwürdigkeit oft nur wenig in deren Nähe zu suchen. Doch The Ghost Is Gone schafft es mit seiner leicht unruhigen Stimmung, dem Double Bass und dem relativ harten Beat im Refrain doch Stimmung aufzubauen. Auch, weil hier die Streicher nicht pure Dramatik versprühen, sondern nur dezente Unterstützung sind und beim Gesang keinen Moment über irgendwelche Stränge geschlagen wird. Nicht zu vergessen, durchaus starke Zeilen, die so gar nicht im Einklang mit dem locker-leichten Rest dieser LP stehen:

 

"I've had my process denied

I'm unconcerned for my health

You give me just enough rope

I'll end up hanging myself"

 

Thank God I'm A Woman überzeugt dafür als das genaue Gegenteil. Mit leichter Ironie präsentiert die Steirerin ihren Abgesang auf die Männlichkeit, stellt sich mit dem wenig erfinderischen Sound zwar hinter Leuten wie Alanis Morissette - nicht die depressive Alanis, sondern die etwas lautere - an, bietet aber mit ihrem rockigsten und 'freisten' Track eine gesunde Abwechslung in der zweiten Hälfte. Gerade die scheint es auch nötig zu haben. Denn schon nach den ersten vier Nummern geht ihr ein wenig die Luft aus. Mit dem etwas einschläfernden Fly und der noch lebloseren, wenig gefühlvollen Ballade Feel You beginnt der Abstieg. Nicht in Richtung Hades, aber der Olymp ist dann doch bald außer Sichtweite. Wirklich in sie verlieben musste man sich auch zu Beginn nicht, doch mit zunehmender Spielzeit scheint ihr das Heraustreten aus dem Durchschnitt merklich schwerer zu fallen. Ein verkorkster Versuch ist die Hommage an Jimmy Page im gleichnamigen Song, der zu einem überraschend nervigen Pseudo-Rocker mutiert. Ansonsten kann man ihr wenig vorwerfen, wenn es an Tracks wie Let Loose oder Keep Your Eye On Me - wer mir sagen kann, welcher Pop-Hit der Jahrtausendwende da durchklingt, bekommt einen Preis, ich bekomm's einfach nicht raus - geht. Nur ist die Erfolgsformel eben keine sehr komplizierte und so hat man gegen Ende schon alles von ihr gehört, was so im Angebot zu sein scheint.

 

Da wären wir auch bei einer für die Zukunft etwas bedenklichen Schwäche von "...for real" angelangt. So viel scheint uns Österreichs Pop-Sternchen nicht sagen bzw. vorspielen zu können, dass wir wirklich ein Album lang interessiert zuhören könnten. Wie üblich, die stärksten, markantesten Tracks sind vorne platziert und hinten nach sollte eben dann doch noch die ein oder andere große Überraschung warten. Genau das fehlt hier aber. Zu ausrechenbar ist das Ganze, um einen vollends zu überzeugen. Dass das aber zumindest ein Stück weit gelingt, steht außer Frage. Es ist nicht nur die Tatsache, dass Anna F. mit ihren Songs niemandem wehtun kann, sondern auch das zwischendurch augenscheinliche Talent, das sich in ihr verbirgt. Natürlich wird das auch hier, wie eben bei jedem einspurigen Pop-Album, auf diese unkantige, auf Airplay und leichten Zuspruch getrimmte Art umgesetzt und natürlich gibt's diese schwer einzuschätzende Form von aufgesetztem (oder doch nicht?) eigenem Charakter, um Ersteres nicht allzu schnell sichtbar zu machen. Das ändert nichts daran, dass "...for real" nicht nur nicht stört, sondern durchaus auch mal eine äußerst starke Seite offenbart.

 

Anspiel-Tipps:

- Most Of All

- Another Song

- The Ghost Is Gone