AC/DC - High voltage

 

High Voltage

 

AC/DC

Veröffentlichungsdatum: 30.04.1976

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 06.06.2015


Der Blaupause für den weiteren Werdegang fehlt es noch an Feuer.

 

Hard-Rock-Futzis aufgehorcht! Um auch die älteren Semester unter unseren treuen (!?) Lesern adäquat bedienen zu können, opfere ich mich diesmal, den nicht ganz so vielseitigen Rockopas von AC/DC ein paar Zeilen zu widmen. Heute im Programm: Das erste weltweit veröffentlichte Album High Voltage, das auf zwei lediglich in Australien erschienene LPs folgte und so den ersten wirklichen Meilenstein in der Karriere der Aussies darstellt. Zusammengesetzt aus Tracks der beiden besagten Alben (2 vom ebenfalls High Voltage betitelten, 7 von T.N.T.), wurden bereits hier die Weichen für eine Karriere, die sich in peinlichen Inszenierungen - ein Blick auf das Artwork genügt ja bereits - und immer wiederkehrenden Mustern, aber auch in starken Darbietungen niederschlagen sollte. Und Überraschung, auch hier am Debüt klingen Bon Scott, Angus Young und Co. schon genau so, wie man sie kennt.

 

Das ist aber auch gut so. Mit einem ihrer bekanntesten Hits startet die zusammengewürfelte LP nämlich so, wie man sich das vorstellt. Zumindest gitarrentechnisch bietet It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock 'n' Roll) schon die alte, erlesene Young-Schule, die Angus da mit einem herrlich kernigen Riff betreibt, denn Sänger Bon Scott ist in seinem Quäken lästig wie eh und je und die deplatzierten Bagpipes, die der Frontmann zusätzlich zum Besten gibt, können auch nicht zur Qualität der Nummer beitragen. Innovationsgeist sucht man bei den Australiern in der gesamten Diskographie, abseits von gelegentlichen Ausflügen in Blues-getränktere Soundgefilde, aber ohnehin vergeblich, darum kann man es ihnen nicht wirklich übel nehmen, dass die folgenden 40 Minuten recht berechenbar anlaufen. Immerhin nimmt das Quintett zweimal den Bleifuß vom Gaspedal, bedient sich einmal mehr bei besagtem Blues und fördert so Tracks zutage, die aus dem üblichen Uptempo-Raster hinauspurzeln. Einerseits beim nächsten Live-Evergreen The Jack, der in seiner bluesigen, schleppenden Gangart sogar einiges hermacht und mit Scotts - der eigentlich gar kein prädestinierter Bluessänger ist, seine Sache aber gut macht - schmachtendem Gesang punktet, andererseits beim zweiten, unvorteilhafterweise viel zu lang geratenen Blues, Little Lover, der zwar ordentlich anmutet, aber nicht an den ersten heranreicht.

 

Viel zu lang geraten ist indes leider einiges. Mit 44 Minuten zwar nicht auf LP-Länge, aber auf seinen ausgedehnten Einzelteilen. Mit einer Durchschnittslänge von 5 Minuten pro Stück verliert nun mal auch der knackigste Riff seine Wirkung, auch die explosivste Hook büßt nach der zigsten Wiederkehr doch deutlich ein. Unter anderem auch diesem Umstand geschuldet, erschöpft sich das Album beinahe genauso schnell, wie der klassische Spruch, wonach AC/DC immer gleich klingen, sei es nun mit Bon Scott oder Brian Johnson. Gegen die Wahrheit kommt man dennoch nur schwer an, darum klingen Stücke wie She's Got Balls zwar nicht annähernd so bissig und zwingend wie etwa Beating Around The Bush, aber nichtsdestotrotz wie die obligatorische, charakteristische Testosteronbombe der Band:

 

"She's got soul my lady

Likes to crawl my lady

All around the floor on her hands and knees

Oh because she likes to please me

 

But most important of all

Let me tell you

My lady's got balls

She's got balls"

 

Obwohl die Rocker bereits hier am Debüt ihr gewohntes Programm durchziehen, ohne jemals wirklich inspiriert zu wirken, gibt es dennoch wieder diese vereinzelten Momente, die der Band ihren Legendenstatus (bei Männern ab 40) eingebracht haben. Sei es eben der Monsterriff des Openers, die Angriffslustigkeit des explosiven (haha!) T.N.T. oder die coole Rhythmussektion im ziemlich stark inszenierten Live Wire. Angus Young an dieser Stelle ein zusätzliches Lob für die interessanteste Personalie der Truppe auszusprechen, wäre in etwa so, wie Ringo als unkreativsten Beatle herauszuheben. Trotzdem ist es wie so oft er, der Nummern wie dem ansonsten eher trägen Rock 'n' Roll Singer den gewissen Charme mitgibt, diese über fünf Minuten durchzudrücken.

 

Somit rettet er eine LP, der durch ihre Funktion als kleines 'Best of' der ersten beiden Alben die Homogenität freilich etwas abhandenkommt und der die Energie der späteren Werke fehlt. Ein paar ordentliche Riffs, die eine oder andere nette Nummer und freches Gebell können nicht über das fehlende Feuer von Aufnahmen wie jener von Highway To Hell hinwegtäuschen, auch ist die Rhythmussektion um Malcolm Young noch nicht so recht eingebunden. Mit High Voltage startet also die Karriere einer der erfolgreichsten Bands ihrer Zunft und Generation, die sich bereits im Refrain des ersten Tracks ganz gut selbst beschreibt: "It's a long way to the top if you wanna rock 'n' roll" - auch wenn die Spitze des heimischen Grand Canyon für AC/DC nur 2-3 ordentliche LPs bedeuten...