A Choir Of Ghosts - An Ounce Of Gold

 

An Ounce Of Gold

 

A Choir Of Ghosts

Veröffentlichungsdatum: 03.04.2020

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 20.03.2020


Naturbelassene Einsamkeit, die sehnsüchtige Melancholie und Seelenfrieden gleichermaßen kennt.

 

Man könnte vermuten, die aktuellen, so ziemlich alle Gesellschaftsbereiche erfassenden Ereignisse würden mich zu dem folgenden Einstiegsthema bringen, tatsächlich ist jedoch die Musik die alleinige Grundlage dafür: Es geht um's Alleinsein. Das wird ja oft sehr unterschiedlich bewertet, kann auch einige verschiedene Formen annehmen. Letztlich läuft es aber auf die Frage hinaus, ob man es denn ganz generell nun als angenehm oder unangenehm empfindet, für sich allein und nur mit sich selbst zu sein. Ich, der ich mit mir selbst wohl mehr ausschweifende Debatten ausgefochten habe als mit anderen Menschen, kann für gewöhnlich sehr gut damit leben, gesellschaftslos zu sein. Immerhin bietet das so viele Möglichkeiten der Selbstreflexion, des Gedankenwanderns und für so manch anderes, wenn denn die menschlichen Ablenkungen ausbleiben. Das verhindert zwar nicht die spürbaren und deutlichen Schattenseiten und Niederungen all dessen, aber es ist deswegen nicht weniger wertvoll. Wahrscheinlich gilt es beide Seiten zu kennen und anzuerkennen, ihnen etwas abgewinnen zu können. Das Debüt von A Choir Of Ghosts scheint genau diese Fähigkeit mitzubringen und bildet damit eine großartige Exkursion in das dezente Singer-Songwritertum.

 

Dem Namen zum Trotz, steckt hinter A Choir Of Ghosts nämlich primär James Auger, ein Brite auf schwedischen Abwegen, der in der dortigen, nordischen Wildnis wohl eine Art Heimat gefunden haben dürfte. Weiß man das, kommt man kaum aus, das auch aus der Musik herauszuhören. Nicht in der Form, dass man instrumental skandinavische Anklänge irgendeiner Art vorfindet, dafür aber weit eher auf atmosphärischer Ebene. "An Ounce Of Gold" wirkt auch in seinen lebhaftesten und hellsten Momenten wie eine geerdete, naturbelassene Angelegenheit, fernab von größeren musikalischen Kunststücken, sieht man von der einen oder anderen Streichereinlage ab. Stattdessen dominiert die klangliche Zurückhaltung, ist Auger oft genug auf seine Stimme und die akustische Gitarre reduziert. Eindrucksvoll ist dabei, wie Wirkung er damit entfalten kann und wie eindringlich sich die LP auch und gerade in ihren ruhigeren Minuten gestaltet. Auger verzichtet auch gesanglich auf große Einlagen, beherrscht seine Stimme im ruhigeren Rahmen allerdings bemerkenswert gut und schafft es damit mühelos, den einsamen Charakter so manches Songs in eine reibungsfreie Mischung aus Melancholie und Sehnsucht einerseits und nachdenklicher Friedfertigkeit zu verwandeln.

 

Das verhindert nicht, dass nicht trotzdem vereinzelt ausgeschert wird. Dem dezent übersteigerten Intro folgt Sinner In Rapture und damit indirekte Systemkritik, die nach einer erdigen, beinahe komplett dem Gesang überlassenen Eröffnung zunehmend in ausgedehnten, dominanten Chorälen aufgeht und damit eher die Appalachen ins Gedächtnis ruft als die schwedische Kälte. Kombiniert mit dem sporadischen Nachdruck der Drums und dezenten Violinklängen verfehlt das trotzdem seine Wirkung nicht, selbst wenn man sich mittendrin zu fragen beginnt, ob da nicht doch mehr kommen sollte als minutenlange Oooohs. Wie dieses Mehr aussehen kann, beweisen einem alsbald Outside The Window und insbesondere Single An Ounce Of Gold. Letztere ist womöglich das formvollendetste Gesamtpaket des Albums, gestaltet sich als energische Folk-Hymne, die mit den treibenden Drums, leichtem Banjo und omnipräsenten Streichern aufwartet, vor allem aber dank starker weiblicher Begleitung beim Gesang trotz weniger euphorischer Zeilen eine positive Leichtigkeit mitbringt, die man sonst hier weniger findet. Das Ergebnis ist nicht nur der eingängigste Song des Albums, sondern auch der krönende Abschluss des musikalisch weiter verzweigten Teils der LP.

 

Spätestens mit dem folgenden Southwest Of The Moon regiert nämlich die spärlich instrumentierte Ruhe. Anstatt abzuflachen, gelingt es Auger aber im Gegenteil damit die restlichen Tracks atmosphärisch umso dichter zu gestalten und sich auf die Gefühlstiefe zu konzentrieren. Während Driving Home dabei noch seinem Titel gerecht wird und über hellen Zupfern die emotionale Heimkehr besingt, erwischt einen postwendend mit The Water der Höhepunkt der weiter oben beschworenen Vermählung von Verlassensein und hoffnungsfrohem Frieden. Und nicht nur das, anschließend an diese Elliott Smith'sche Züge annehmende, poetische Ruhe, bekommt man darüber hinaus noch ein gelungenes Duett. Better Off Alone setzt das Credo der musikalischen Reduktion fort, paart lediglich dunkle Streicherklänge mit der akustischen Gitarre und streut dazu vereinzelt Drums und einzelne Akkorde an der E-Gitarre ein. Im Zentrum stehen aber, wenig überraschend, die abwechselnden Strophen und gemeinsamen Refrains, bei dem wiederum helle weibliche Stimmunterstützung den erdigen Gesang Augers ideal ergänzt und damit die womöglich besten Zeilen des Albums heraushebt:

 

"There’s sand in my pockets, water in my hands

I’m trying to hold the flame, but I don’t think I can

I sleep amongst the leaves, and I hope for a stronger breeze

That’ll send my boat closer to land

 

But we both know if we walk on in to the dark

One will come out smiling, the other will fall apart

I’ll take my road and you can find your own

Cos we’d still be better off alone"

 

Die dürfen dann auch gleich als idealer Schlusspunkt für diesen Review herhalten. Vielmehr muss nämlich über diese LP nicht gesagt werden. "An Ounce Of Gold" ist ein eindrucksvoll komplettes Debüt, das natürlich davon profitiert, dass musikalisch nichts Weltbewegendes gewagt wird, aber auch äußerst erfolgreich der Möglichkeit ausweicht, an dieser klanglichen Reduktion zu zerbrechen. Stattdessen gelingt Auger ein authentisches und qualitativ wie atmosphärisch dichtes Album, dessen Musik und Texte sicher noch im kleineren Rahmen Verbesserungspotenzial bergen, das aber beides in sehr abgerundeter und fertiger Form bietet. Das summiert sich zu einer Sammlung an Kompositionen, die dazu geeignet sind, ein bisschen Licht auf die guten und weniger guten Seiten des Alleinseins zu werfen, die aber in aller Einfachheit auch schlicht großartige Songs sind, die Schönheit und Emotionalität vereinen. Da gibt es dann nicht mehr viel, worauf man in Zukunft noch zu warten bräuchte, wenn schon der erste Auftritt so viel richtig macht.

 

Anspiel-Tipps:

- An Ounce Of Gold

Driving Home

- The Water

- Better Off Alone