5/8erl In Ehr'n - Bitteschön!

 

Bitteschön!

 

5/8erl In Ehr'n

Veröffentlichungsdatum: 01.06.2012

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.11.2014


Eine kreative Melange aus Gemütlichkeit und Gefühl, leider aber nur eine bedingt schmackhafte.

 

"Nobody knows when you're down and out

If you know what I mean

So, let's chill - Gib da die Ehre

Asozialisiert in Wien"

 

Ein bisserl kommt es einem Affront gleich, die Band oder auch nur dieses Album mit eben jenem Zitat zu beginnen. So ganz und gar nicht wird hier der Flair der Band eingefangen. Gechillt, asozial und das alles auch noch auf Englisch? Ja, vielleicht bei anderen... Und doch fangen diese auf der anderen Seite so viele Facetten des Quintetts ein. Die Österreicher schaffen mit dem, was so flapsig Wiener Soul getauft wurde, nämlich wirklich oft Nummern zum entspannten Träumen, zum tiefsinnigen Schwelgen, all das auch noch mit einer lockeren Leichtigkeit im Sound. Gleichzeitig immer mit einem netten Seitenhieb auf die Österreicher im Allgemeinen, die Wiener im ganz Speziellen. Das und eigentlich viel mehr bietet die Band. Insoferne, "Bitteschön!" ist wohl die perfekte Visitenkarte.

 

Denn auch in all ihrer Verschiedenheit verstecken sich hinter diesen Nummern doch ein paar zentrale Botschaften, die ganz abseits der vielsagenden Texte oft sehr ähnlich klingen: Es gilt sich einzulassen auf die Musik, ein Stück weit darin zu versinken und sich davon ummanteln zu lassen. Gleich vorweg, diesem Anspruch wird die Band nur sporadisch gerecht, wenn man ihnen diese hohe Qualität überhaupt zugestehen will. Was so kritisch klingt, soll aber nur ein Hinweis sein, dass der Wiener Kombo hier doch eher starke einzelne Songs als eine geschlossene Platte gelingen. Auf die Stärken muss man zwar ein kurzes Zeitchen warten, mit G'spiast Di steigt man aber dann gekonnt ein. Ein großartiger Kontrabass setzt ein, es gesellen sich lockere akustische Gitarrenakkorde dazu und bald kommt auch das unerwartet rhythmische Akkordeon hinein. Eine starke Performance, die erst mit dem perfekt harmonierenden Gesangsduo wirklich ihre volle Stärke entfaltet.

 

In genau dieser Tonart geht es selten weiter. Schneid' Die Melone An entwickelt sich beispielsweise mit tollem Gitarren-Part und starker Akkordeon-Unterstützung zum idealen Sommerhit, äußerst schnell hört man Hängematten-Potenzial heraus. Dafür hat die Band mit Heit Tanzt Die Ganze Wöd eine dem Namen entsprechende, äußerst tanzfähige Nummer, die sich in Wahrheit am Funk und R'n'B orientiert, das aber im rustikalen Gewand mitsamt schrägem Wurlitzer-Einsatz versteckt. Soweit scheinen ja schon genug Betätigungsfelder abgesteckt, dass man 5/8erl In Ehr'n mal keine Langeweile vorwerfen könnte. Die kommt sowieso nie auf, denn von Uniformität kann abseits der Instrumentierung kaum die Rede sein.

 

Das gilt für die Musik genauso wie für die Texte. Denn es paaren sich ruhige Gefühlstracks mit locker-leichtem Nonsens und gepflegt vorgetragener Sozialkritik. Letztere gestaltet sich aber mitunter störrisch. Wer Is Wer gibt sich allen voran als Rassismus-Kritik, die zwar mit gekonnt eingebautem Nazi-Verweis punktet, insgesamt allerdings sowohl lyrisch, wie auch soundtechnisch nur zu Beginn wirklich flüssig wirkt. Da fiel die Musik doch zum Teil der Botschaft zum Opfer, machen doch die Tempo- und Rhythmuswechsel inmitten des Tracks weniger her, als man in der Theorie glauben könnte. Schade darum. Schwieriger gestaltet sich die Parodie der Schicki-Micki-Gesellschaft im Song Am Wörthersee. Dort muss man dann trotz einwandfreien gesanglichen Vortrags doch von musikalischem Genuss absehen. Einerseits weil die voluminösen stimmlichen Parts nicht ansatzweise mit dem lockeren Stil des Albums harmonieren, andererseits auch weil der gebotene Humor dann doch sicher nicht jedermanns Geschmack anspricht.

 

Wie's auch sei, diese Ausrutscher werden mitunter großartig ausgebessert. Die aggressive Nummer Kniascheibn marschiert in Richtung Akustik-Rock mit offensiven Bass- und Gitarrenparts. Das Frontduo Slivovsky/Baier macht auch weiterhin gesanglich nichts falsch, profitiert hier auch vom höheren Tempo, und der Text erinnert in seiner Banalität an Georg Danzers Hupf In Gatsch. Als scharfer Kontrast bietet sich zum einen die oben zitierte Single Siasse Tschik an. Dort wird im Jazz-Gewand gearbeitet, in dem sich lockeres Bass-Gezupfe und dezente Keyboard-Klänge einmischen. Zum Gewinner werden dabei aber sicher die Vocals, die einem Entspannung so ehrlich verkaufen wie kaum jemals zuvor. Als Perle der LP entpuppt sich jedoch bereits nach den ersten Durchläufen das großartige Wunderschöner Mai. Großteils auf die Gitarre aufgebaut, macht sich der Song als minimalistische Vorstellung der Band, die den eindeutig wohlgeformtesten Refrain zu bieten hat. Besonders punkten können dabei auch die tollen Lyrics, die ein Liebeslied der ehrlichsten Sorte ergeben.

 

Ab und an wird man aber das Gefühl nicht los, dass gerade diese emotionsbetonte Seite des Albums doch deutlich schwächelt. Wie sehr das reine Geschmackssache ist, es bleibt wohl eher mysteriös. Denn auch bei den beiden überlangen Songs Und Wann I Atmosphäre Bin und Stö Jetzt Kane Frag'n gibt's wohl an der Umsetzung wenig zu bemängeln. Aber auch wenn hier gesanglich erst recht von starker Arbeit die Rede sein kann, ist ebendiese Fixierung auf das Duo an vorderster Front ein schwaches Rezept, um den sechs Minuten Länge beizukommen. Da verkommt auch der potenziell berührende Text bald zum Opfer des Vergessens, verschwimmt im Gedächtnis noch bevor die Tracks ihr Ende finden.

 

Es sind diese Momente, die einen dann doch das ein oder andere Mal am Wiener Soul zweifeln lassen. Gerade am andernorts so überaus großen Unterhaltungswert mangelt es dort. Auf Albumlänge ist aber der nicht zu leugnen und so gibt's trotz markanter Abstriche nicht viel zu lästern. Insbesondere da die eindeutige Antwort darauf, ob es nur am eigenen Unverständnis für diese stilistisch anders gearteten Ausrutscher liegt oder ob da wirklich noch Verbesserungsbedarf gegeben wäre, nicht zu finden ist. Das wird wohl auch keiner so ganz klären können, deswegen belass ich es eben doch bei einem kurzen Lob auf die Erfinder des Wiener Soul. So kann's dann schon weitergehen.

 

Anspiel-Tipps:

- Wunderschöner Mai

- Kniascheibn

- Siasse Tschik