3 Feet Smaller - December 32nd

 

December 32nd

 

3 Feet Smaller

Veröffentlichungsdatum: 02.01.2009

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 20.02.2021


Statt rauer Wut kommt nun poppig-glattes Allerlei zwischen Weichei und Arschloch.

 

Es ist Zeit für eine Retrospektive. Nein, nein, nicht auf einen gestandenen Klassiker, auf einflussreiches Liedgut oder erfinderisches, bahnbrechendes künstlerisches Material. Einfach nur auf die eigenen musikalischen Geschmäcker aus dem Jahre Schnee. Damals, irgendwann also, so ungefähr vor einem Jahrzehnt, war der Pop-Punk noch weit eher salonfähig in den Ohren des Autors und somit fand sich auch Platz für eine Band aus der Heimat, der zwar der große Durchbruch verwehrt geblieben ist, die aber immerhin ein Jahrzehnt lang Festivalliebling und gern gesehener Gast im Vorprogramm so ziemlich aller Genregrößen war. Das ist doch auch etwas. Auf einem zugegebenermaßen unwichtigen Nebenschauplatz, dem musikalischen, konnte die Band außerdem einen stetigen Aufstieg für sich verbuchen, bis man irgendwann einmal eine wirklich ordentliche, um nicht zu sagen gute Band geworden ist. Und so winkte zum Ende der 00er-Jahre plötzlich ein Major Label, damit die Chance auf zählbaren Erfolg, aber auch auf ein Mehr an Ressourcen für die Arbeit an der vierten LP. Geworden ist daraus "December 32nd" und damit ein Album, das es schafft, sich gleichzeitig in die richtige und die falsche Richtung zu bewegen.

 

Denn auf der einen Seite steht es der Band durchaus gut zu Gesicht, sich ein bisschen am klanglichen Feinschliff zu üben und so an den Ecken und Kanten zu arbeiten, die in der Vergangenheit oft genug weniger unverfälschte Natürlichkeit, sondern eher eine gewisse Stümperhaftigkeit auf handwerklicher Ebene vermuten haben lassen. Auf der anderen Seite hat eigentlich schon Vorgänger "3rd Strike" viel dafür getan, die in Wien daheim gewesene Band von dem amateurhaften "Charme" der ersten beiden Alben zu befreien, während gleichzeitig mit einem Schwenk in Richtung Aggressivität und Härte verdammt viel an Charakterbildung betrieben wurde. Letzteres wird hier rückgängig gemacht, tatsächlich sogar ins Gegenteil verkehrt. Also nicht unbedingt was den Charakter angeht, doch aber hinsichtlich der Härte. "December 32nd" ist zumeist zahm, zwar hier und da vor allem gesanglich sympathisch hingerotzt und ohne Maulkorb, musikalisch aber poppiger und glatter denn je. Kann man kritisieren, muss man aber nicht zwingend. Vor allem scheint es ein wenig unausweichlich gewesen zu sein nach einer spürbar längeren Pause zwischen den Alben, in die mehr als eine personelle Änderung gefallen ist und die die Band vom Quartett zum Trio hat schrumpfen lassen. Dass man sich da etwas ruhiger gibt, die Gitarrenwände und Power Chords nicht mehr annähernd so dominant sind, es sei verziehen.

 

Umso mehr, weil die Band rund um Marcus Smaller durchaus mit den neuen Möglichkeiten spielt, sich stilistisch ausbreitet. Deswegen gibt es neben geradlinigem, höchst unspektakulärem Pop-Punk aus der Konservendose und dem gebotenen Abstecher in Richtung einer Prise Ska ein Haufen balladeskes Liedgut zwischen Pop und Rock, das auch ein klein wenig am Post-Grunge andockt oder skurrile Pseudo-Country-Ausritte. Selbstverständlich geht nicht alles auf, als Faustregel kann man sich aber im Hinterkopf behalten, dass die Band schwächer klingt, je weniger sie ihrem Eigensinn Platz lässt. Gerade die absoluten 08/15-Liedchen Break Up und Shit Hits The Fan, die lediglich die netterweise aufpolierte Produktion von manch akzentarm austauschbarer Performance aus den vorangegangenen Jahren trennt, sind bescheidene Minuten. Abseits dieser Durchschnittsminuten erweist sich die Band aber überraschend trittsicher auf unterschiedlichem Terrain. In kurzer Abfolge gelingen mehrere stilistische Sprünge. Zuerst das mit lockerem Riff und staubtrockenen Drums dahintrabende, nur im Refrain Härte zeigende S U doubleF E R, das textlich das Versagertum ein bisschen feiert und in der herrlichen Zeile "Maybe someday I'll write a book about me / Called 'If I Were You, I'd Hate Me Too'" mündet. Danach zuerst der Ska-Punk-Ohrwurm Lie  Baby, Lie, dicht gefolgt von der Pop-Ballade Tonight, die trotz ihrer kitschigen Art unerwartet gut gelingt und vor allem mit Smallers neuer, kernigen Stimme harmoniert.

 

Gerade diese Stimme ist in Verbindung mit Smallers fast schon bipolarem Auftreten und entsprechenden textlichen Ergüssen auch die wohl wichtigste Lebensader des neuen Sounds der Band und damit des ganzen Albums. Klanglich mitunter irgendwo in den Sphären eines Chad Kroeger, ohne dessen mühsames Dauergegröle imitieren zu müssen, schlägt Smaller auf unerklärliche Art erfolgreich die Brücke zwischen dem gefühlsbetonten, pathetischen Balladentum von Vertigo oder eben Tonight einerseits, den an Schimpfwörtern reichen, mit dreckigem, teils brutalem Humor angereicherten Arschloch-Tiraden von Better Off Dead oder Lost Sense Of Shame andererseits. Dieser Spagat, der kaum ernst gemeinten Country-Rock den atmosphärischen, melodramatischen Emotionswallungen im Pop-Format gegenüberstellt, sorgt jedenfalls für ein verdammt kurzweiliges Ganzes.

Gleichzeitig ergibt sich aus der Mischung aus klanglicher Politur und stilistischem Schwenk in mehrere Richtungen die etwas absurde Situation, dass "December 32nd" gleichzeitig die von eklatanten Schwächen freiste und an wirklichen Volltreffern ärmste LP der Band ist. Die Österreicher arbeiten grundsolide, reihen einen ordentlichen Song an den anderen, manch einer gefällt auch Jahre, nachdem die Begeisterung über LP und Band an sich verflogen ist, noch wirklich gut. Sieht man von der mageren, akzentarmen Kost ab, die die wenigen klassisch pop-punkigen Momente darstellen, ist überhaupt kaum große Kritik angebracht. Auf der anderen Seite ist hier kein Top-Material versammelt und man kann es leicht als symptomatisch ansehen, dass der Schritt in Richtung Pop, in Richtung glatten Sounds und in Richtung weniger Aggressivität qualitativ ausgerechnet von dem einen Song angeführt wird, der dann doch wieder den Vorgänger, dessen Härte und wutgetränkte Texte channelt. Headlights ist als dieser Höhepunkt ein wichtiger Ausreißer, der einen mit der gebotenen Wucht und einem Hauch drückender Härte emotional in eine andere Richtung reißt und deutlichere Spuren hinterlässt als die übrigen Tracks.

 

Weil dem mit I Was In... zwar direkt wieder die Rückkehr zum bedeutungsschwangeren Mid-Tempo-Rock folgt, der aber in seiner fast sechsminütigen Länge überraschend gut inszeniert ist, kommt man zwar auch zum Ende nicht ins Schwärmen, sieht sich aber in seinem Urteil bestätigt: "December 32nd" ist grundsolide und ergründet zumindest für die Band ein bisschen stilistisches Neuland, vor allem aber ein produktionstechnisch komplett unbekanntes Terrain, in dem man auf geschliffene Klänge setzt. Raue und krachende Riffs und vor Kraft und Wut strotzende Power Chords sind damit zwar Geschichte, was klanglich und emotional gehörig an der Durchschlagskraft kratzt. Gleichzeitig gelingen aber die neuen musikalischen Übungen. Der Humor ist gerade grenzwertig genug, um doch lustig zu sein, und trotz zu viel an Pathos und Kitsch und zu wenig an eigenständigem Sound geraten auch die diversen Balladen atmosphärischer, als man meinen möchte. Und so ist nicht ganz klar, ob das wirklich das Beste ist, was das Dreigespann hier hätte machen können. Gleichzeitig ist es dennoch allein aufgrund der abgeklärten Machart die solideste LP, die der Band bis dahin ausgekommen ist. Meilenstein ist es trotzdem in keinem bekannten Universum einer, nicht einmal in den Augen des Schreiberlings, der diesen Elferpack an Songs vor einem Jahrzehnt noch wirklich genossen und mit ihm mitgefühlt hat.