Madonna - Madonna

 

Madonna

 

Madonna

Veröffentlichungsdatum: 27.07.1983

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.03.2016


Madonna spielt das Role Model aller Teen-Pop-Diven. Das Hörerlebnis ist erwartbar mäßig.

 

Wenn einen die Geschichte eines lehrt, dann, dass es relativ vorteilhaft ist, etwas als Erster getan zu haben. Der erste Mann auf dem Mond: Großer Hero. Der vierte: Naja. Der erste Grunge-Hit: Legende. Der achtundzwanzigste: Muss nicht mehr sein. Auch deswegen tun sich die Künstler neuerer Tage recht schwer, noch große Begeisterung auszulösen und originell zu klingen. Gefeiert wird man höchstens noch, weil man klingt wie...

Da ist es doch viel netter, man war noch so richtig groundbreaking. Andererseits gibt es so Trends, die hätte vielleicht besser niemand eingeläutet. So treffsicher Madonnas Karriere bei Zeiten auch gewesen sein mag, steht sie mit ihrem Debüt auch an der Spitze gleich zweier unliebsamer Entwicklungen. Als die Dame, die gleichzeitig den seit längerem unkontrollierbar wuchernden Dance-Pop salonfähig gemacht - das aber zugegebenermaßen nicht alleine - und den glitzernden, penetranten Teen-Stars und -Sternchen Tür und Tor geöffnet hat, gebührt ihr wohl kein überschwänglicher Dank. Wenigstens hat sie 1983 aber schon vorgezeigt, dass das Genre nicht das Gardemaß großartiger Musik werden würde.

 

Was nicht heißen soll, es gäbe dort für den Connaisseur akustischer Genüsse nichts zu holen. Überblicksmäßig beschränkt sich die Ausbeute in den Welten von Kylie, Britney oder - ganz neu - Taylor aber eher auf sporadische Treffer als auf umfassende Qualitätsausdünstungen. Wer nun hier eine voll ur ungerechte Verallgemeinerung vermutet, dem sei gleich gesagt, auch "Madonna" passt zu dieser Beschreibung wie die Faust aufs Auge. Denn trotz nur acht Songs begegnet einem auf der LP vor allem ein großer Haufen tanzbarer, kantenloser Mäßigkeit. Dass Holiday, die Single, die von jedem mit intaktem Hörvermögen schon viel zu oft gehört wurde, dabei zu den besseren Momenten zählt, ist bereits kein Ruhmesblatt. Zwar muss man dem Track seinen funkigen Disco-Grundanstrich anrechnen und kann sich trotz ziemlich gefühlskalter Elektronik dem eingängigen Ganzen aus Synthie-Melodie, Beat und Gesangshook nicht erwehren. Doch neben Madonnas offensichtlich ausbaufähigem Stimmchen - in den Prä-Auto-Tune-Zeiten hat man sowas tatsächlich noch rausgehört - fällt einem auch auf, dass sechs Minuten der immer gleichen Gangart irgendwie ermüdend und spannungsbefreit daherkommen, höchst vitale Rhythm Section hin oder her.

 

Diese Überlänge ist auch einer der Kardinalsfehler des Albums. Mit durchschnittlichen Laufzeiten von fünf Minuten reizt man die simplen Songstrukturen nicht nur aus, man spielt sie phasenweise auch einfach tot. Es könnte kein besseres Zeichen dafür geben, dass diese Stücke für die Tanzfläche und sonst gar nichts gedacht sind, denn abseits ihrer zugegebenermaßen ins Infinite gehenden Catchiness mangelt es an Abwechslung und Tiefe. Die banalen und minimalistischen lyrischen Ergüsse tun zwar nicht weh, reißen aber in die Performance ein Loch hinein, das weder von den Vocals noch auf musikalischer Ebene voll ausgefüllt wird. Während so die knackigen Gitarrenspritzer von Lucky Star, die Retro-Synthies von Think Of Me oder die synthetische Bassline von Physical Attraction zu Beginn durchaus locker daherkommen und einen positiven Eindruck hinterlassen, ist die Geschichte der Songs schon lange vor der Halbzeit fertig erzählt.

 

Da kommt dann die ambivalente Bilanz der Produzenten deutlich zum Vorschein. Denn soundtechnisch kann man der LP nur selten etwas vorwerfen und zwar immer dann, wenn wie im Falle von Think Of Me die Musik zu hölzern und harsch gerät, die Disco-Einflüsse in störrischen Beats und abgehackten Elektronik-Klängen ertränkt. Abseits davon überzeugen aber vor allem die Songs, die sich von der vorherrschenden Dance-Pop-Dominanz zumindest ein wenig distanzieren. Auf Burning Up agiert man dabei zwar genauso mit mittlerweile aus der Mode geratenen Synthesizern, flößt dem Track aber mit den Collins-esquen, trockenen Drums und insbesondere den starken, rockigen Gitarren-Riffs ordentlich Energie ein. Daraus wird die einzige wirklich angriffige Nummer des Albums, die sich auch deswegen gut hält, weil Madonnas flacher Gesang ungleich besser ins Bild passt als an anderer Stelle.

Dass sie trotzdem auch stimmlich imponieren kann, zeigt das alleingelassene Highlight Borderline, das Beste, was die Zusammenarbeit mit Produzent Reggie Lucas hervorgebracht hat. Mit der verfeinerten Performance ihrerseits und starker Background-Unterstützung im Refrain steckt trotz üblicher Disco- bzw. Dance-Ausstattung ein bisschen Soul in diesen Minuten, auch bedingt durch den melancholischen Unterton der dezent überladenen Elektronik-Klänge. Damit gelingt nicht nur schon früh die Rettung einer unterwältigenden LP, sondern auch der einzige Anflug von Emotion.

 

Was rundum und vor allem in der zweiten Albumhälfte passiert, ist das Ausschlachten von Instrumenten, die damals voll im Trend, heute aber unweigerlich angestaubt sind. Am besten illustriert wird das durch das anstrengende I Know It, dessen für sich schon schwierige Synthie-Auskleidung augmentiert wird - ich leih mir den Begriff mal vom Kollegen - mit aufflackernden Saxophon-Einsätzen, dem besten Beispiel unmotivierten 80er-Kitschs.

Das wiederum könnte als Erklärung dafür genügen, warum "Madonna" trotz Anlaufschwierigkeiten zum großen Kassenschlager und also Durchbruch der späteren Pop-Queen wurde. Über 30 Jahre später ist von einem Glanz, der ohnehin zu einem guten Teil auf der Vorreiterrolle der Sängerin basiert, nicht wirklich viel übrig. Also naja, die Vorreiterrolle bleibt ihr. So glänzend ist das aber auch wieder nicht. Außerdem beeinflusst das wenig bis gar nicht, was letztlich im Ohr ankommt. Das ist durchschnittlicher, eigentlich fast biederer Dance-Pop mit Überbleibseln aus der Disco-Ära. Nur selten wird einem mehr serviert.

 

Anspiel-Tipps:

- Borderline

- Burning Up

- Holiday